Sufizentrum Braunschweig
  Abd Allah ibn al-Mubarak
 

Abd Allah ibn al-Mubarak

 

Abu ‘Abd al-Rahman ‘Abd Allah ibn al-Mubarak al-Hanzali al-Marwazi, wurde im Jahr 118 n.H. (736 n.Chr.) als Sohn eines türkischen Vaters und seiner persischen Mutter geboren und wurde zu einer angesehenen Autorität auf dem Gebiet der Überlieferungen und ein bekannter Asket. Er studierte unter vielen Lehrern in Merv und an anderen Orten und wurde ein profunder Gelehrter in verschiedenen wissenschaftlichen Zweigen, einschließlich Grammatik und Literatur. Als wohlhabender Kaufmann verteilte er großzügig Almosen unter den Bedürftigen und er starb 181 (797) in Hit am Euphrat. Er schrieb eine ansehnliche Anzahl von Werken über die Ahadith, von welchen eines über die Askese bis heute erhalten blieb.

 

Abd Allah ibn al-Mubaraks Eintritt in den Islam

 

Dieser trug sich wie folgt zu. Er verliebte sich unsterblich in ein Mädchen und konnte keinerlei Ruhe mehr finden. In einer Winternacht stand er einmal bis zum Morgen unter dem Fenster seiner Angebeteten, um einen Blick auf sie zu erhaschen. Die ganze Nacht hindurch hatte es geschneit. Als der Gebetsruf erschallte, dachte er, es wäre der Ruf zum Nachtgebet. Doch als er die Morgendämmerung bemerkte, wurde ihm bewusst, dass er die ganze Nacht völlig in seinem Sehnen nach der Geliebten „weggetreten“ gewesen war.

Schande über dich, Sohn des Mubarak“, rief er. „In solch einer gesegneten Nacht bist du wegen einer persönlichen Leidenschaft auf den Füssen geblieben, doch wenn der Imam etwas länger eine Sure aus dem Qur’an rezitiert, wirst du gleich ungehalten.“

Angst überkam sein Herz und er bereute und er ergab sich fortan ganz dem Gottesdienst. Seine Hingabe war so vollkommen, dass seine Mutter, als sie eines Tages in den Garten kam und ihren Sohn unter einem Rosenbusch schlafend fand, eine Schlange entdeckte, die mit einer Narzisse im Maul, die Fliegen von ihm weg scheuchte.

Danach verließ er Merv und hielt sich eine Zeit lang in Bagdad unter den Meistern der Sufis auf. Danach wandte er sich nach Mekka, blieb einige Zeit dort, um danach wieder nach Merv zurück zu kehren. Die Einwohner empfingen ihn dort herzlich und richteten Studien­gruppen für ihn ein. Die Hälfte studierten die Überlieferungen und die andere Hälfte die Rechtswissenschaften. Abd Allah ist deshalb heute als der „Anerkannte beider Gruppen“ bekannt, da er sich in Einklang mit beiden befand und jede Gruppe ihn als einer der ihren für sich bean­spruchte. Nachdem er dort diese beiden Studienzweige etabliert hatte, brach er in den Hijaz auf und ließ sich erneut in Mekka nieder. Abwechselnd verrichtete er jeweils die Pilgerfahrt, bzw. begab sich auf einen Kriegszug und in jedem dritten Jahr betätigte er sich als Kauf­mann. Die Erlöse teilte er unter seinen Anhängern und Schülern auf. An die Armen pflegte er Datteln zu verteilen und die Dattelkerne zählte er; und wer mehr Datteln aß, dem gab er einen Dirham für jeden Kern.

Er war äußerst sorgfältig in seiner Frömmigkeit. Einmal als er Rast mit seinem wertvollen Pferd an einer Herberge machte, begab er sich ins Gebet. Sein Pferd trieb sich in der Zwischenzeit in einem Haferfeld herum. Daraufhin gab er sein Pferd auf, ließ es zurück und reiste zu Fuß weiter und meinte, „Es hat das Korn der Befehlshaber vertilgt.“ Ein anderes Mal reiste er den ganzen Weg von Merv nach Mekka zurück, weil er vergessen hatte, eine Schreibfeder zurück zu geben, die er sich ausgeborgt hatte.

Eines Tages kam er durch einen Ort und die Leute erzählten einem dort ansässigen Blinden, dass Abd Allah gerade vorbeiging und er von ihm verlangen könne, was er wolle. „Stopp, Abd Allah“, rief der blinde Mann und Abd Allah blieb stehen. „Bitte Gott, mir mein Augenlicht zurück zu geben“, bettelte der Mann. Abd Allah beugte sein Haupt und betete. Sofort konnte der Mann wieder sehen.

 

Abd Allah ibn Mubarak and Ali ibn al-Muwaffaq

 

Als Abd Allah in Mekka lebte und gerade die Pilgerfahrt vollzogen hatte, fiel er in einen tiefen Schlaf. Im Traum sah er zwei Engel auf die Erde herabsteigen.

Wie viele sind dieses Jahr gekommen?“ fragte der eine.

Sechshunderttausend“, gab der andere zur Antwort.

Von wie vielen wurde die Pilgerfahrt angenommen?“

Von nicht einem.“

Als ich dies hörte“, berichtete Abd Allah, „erfüllte mich großes Zittern. „Was“ rief ich, „All diese Menschen kamen von weit her, aus allen Ecken und Enden der Welt, haben unter großen Mühen und Anstrengungen Wüsten und Weiten durchquert, und all ihre Anstreng­ungen waren vergeblich?“

In Damaskus lebt ein Flickschuster, sein Name ist Ali ibn Muwaffaq“, sagte der Engel. Er ging dieses Jahr nicht auf Pilgerfahrt, aber seine Pilgerfahrt wurde angenommen und all seine Sünden vergeben.“

Als ich dies hörte“, fuhr Abd Allah fort, „wachte ich auf und dachte bei mir, „diese Person musst du aufsuchen“. Also ging ich nach Damaskus und suchte seine Wohnung. Ich rief und jemand kam heraus. Ich fragte nach der Name dieser Person und sie antwortete, „Ali ibn Muwaffaq.“ „Ich will mit dir reden“, sagte ich. „Nur zu“, meinte er.

Was arbeitest du?” “Ich bin Flickschuster”, gab er Auskunft. Danach erzählte ich ihm meinen Traum. „Wie ist dann dein Name?“ wollte er wissen, nachdem ich fertig erzählt hatte. „Abd Allah ibn Mubarak“, erwiderte ich. Er schrie auf und fiel in Ohnmacht. Als er wieder erwacht war verlangte ich von ihm seine Geschichte zu erzählen.“

Der Mann erzählte mir folgendes. „Seit dreißig Jahren beabsichtige ich nun die Pilgerfahrt zu unternehmen und ich hatte dreihun­dertfünfzig Dirham aufgespart. So beschloss ich dieses Jahr auf Pilgerreise zu gehen. Meine gute Frau, die schwanger geworden war, roch eines Morgen den wunderbaren Bratenduft von nebenan und bat mich „Geh sei so gut und erbitte etwas von diesem Essen für mich.“ Also ging ich und klopfte an der Nachbarin Tür und erklärte meine Bitte. Meine Nachbarin brach in Tränen aus. „Meine Kinder haben nun drei Tage hinter­einander nichts gegessen“, sagte sie, „Heute sah ich einen toten Esel daliegen und so schnitt ich ihm ein Stück Fleisch heraus und kochte es. Das wäre kein erlaubtes Essen für dich.“ Mein Herz brannte mir in der Brust, als ich diese Geschichte hörte. Ich nahm meine dreihundert­fünfzig Dirham heraus und gab sie ihr. „Gib dies für deine Kinder aus“, sagte ich, „dies ist meine Pilgerfahrt.““

Der Engel in meinem Traum hat die Wahrheit gesprochen“, rief Abd Allah und der himmlische König war gerecht in Seinem Urteil.“

 

Abd Allah ibn Mubarak und sein Sklave

 

Abd Allah hatte einen Sklaven über den ihm jemand erzählte, „Dein Sklave bestiehlt die Toten und bringt dir den Erlös davon.“ Diese Mitteilung beunruhigte Abd Allah außerordentlich und so ging er eines Nachts seinem Sklaven heimlich nach. Dieser begab sich zum Friedhof und öffnete ein Grab. In dieser Gruft befand sich eine Gebetsnische in welcher der Sklave ein Gebet verrichtete. Abd Allah, der dies alles aus der Ferne beobachtet hatte kroch näher heran und sah, dass der Mann in Sack­leinen  gekleidet war, sein Gesicht mit Staub bedeckt hatte und weinte. Darauf zog sich Abd Allah ebenfalls weinend in eine entfernte Ecke zurück. Der Sklave blieb in dieser Gruft bis zum Morgengrauen, dann stieg er heraus, verschloss die Gruft wieder und begab sich in die Moschee um sein Morgen­gebet zu verrichten. „Mein Gott“, rief er, „der Tag ist angebrochen und mein zeitlicher Herr wird von mir Geld verlangen. Du bist der Reichtum der Armen. Gib mir von wo immer Du willst.“

Sofort brach ein Lichtstrahl vom Himmel durch und ein Silber Dirham fiel in des Sklaven Hand. Abd Allah vermochte dies nicht mehr länger ruhig mit ansehen. Er stand auf, legte den Kopf des Sklaven auf seine Brust und küsste ihn.

Tausend Leben sind das Lösegeld für solch einen Sklaven“, rief er aus, „du bist der Meister, nicht ich.“

O Gott“, schrie der Sklave, der erkannt hatte was geschehen war, „nun da mein Schleier von mir genommen ist und mein Geheimnis entdeckt, bleibt mir keine Ruhe mehr in dieser Welt. Ich flehe Dich an bei Deiner Macht und Herrlichkeit, lass mich nicht leiden im Versagen und nimm meine Seele zurück.“

Sein Kopf lag immer noch an Abd Allahs Brust als er starb. Abd Allah legte ihn sanft zu Boden, wickelte ihn in ein Leichentuch, umgab ihn mit seinem Sackleinen und begrub ihn in ebendiesem Grab.

In der folgenden Nacht sah Abd Allah den Herrn der Welten im Traum und Abraham, Sein Freund, war mit ihm. Sie kamen auf himmlischen Pferden heran.

Abd Allah“, sagten sie, „warum hast du Unseren Freund in Sackleinen begraben?”

Geschichten aus dem

Tadhkirat al-Auliya’

(Erinnerung an die Heiligen)

von Farid ud-Din ATTAR

Übersetzt von M.M. Hanel
 
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