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  Abu Yazid al-Bistami
 

Abu Yazid al-Bistami

 

Abu Yazid Taifur ibn ‘Isa ibn Sorushan al-Bistami wurde als Enkel eines Zoroastriers in Bistam, im nordöstlichen Persien geboren, wo er auch 261 (874) oder 264 (877) starb. Sein Mausoleum steht immer noch dort. Als Begründer der ekstatischen (trunkenen) Schule im Sufitum ist er für die Kühnheit bekannt, mit welcher er den Zustand der vollkom­menen Auflösung in der göttlichen Sphäre zum Ausdruck brachte. Be­sonders die Beschreibung einer Reise in den Himmel (eine An­­­­­­­­­­lehnung an die Himmelfahrt des Propheten) wurde von Verfassern späterer Werke intensiv weiter bearbeitet und beeinflusste die Vorstellung jener, die nach ihm kamen ganz außerordentlich.

Abu Yazids Geburt und frühen Jahre

 

Abu Yazid al-Bistamis Großvater war ein Zoroastrer und sein Vater einer der führen­den Bürger Bistams. Abu Yazids außergewöhnliche Laufbahn begann bereits im Leib seiner Mutter.

Jedes Mal wenn ich einen zweifelhaften Bissen in den Mund steckte,“ pflegte seine Mutter ihm zu erzählen, „hast du in meinem Bauch zu strampeln begonnen und erst wieder damit aufgehört, wenn ich diesen Bissen aus dem Mund nahm.“

Diese Geschichte wird von Abu Yazid selbst bestätigt.

Was ist das Beste für einen Mann auf dem Weg?“ wurde er gefragt.

Angeborenes Glück“, gab er zur Antwort.

Und wenn dies fehlt?“

Ein starker Körper.“

Und wenn der schwach ist?“

Ein aufmerksames Gehör.“

Und ohne solches?“

Ein wissendes Herz.“

Und ohne dieses?“

Ein sehendes Auge.“

Und wenn dies auch fehlt?“

Ein schneller Tod!“

Wie es sich gehörte, schickte ihn seine Mutter zur Schule. Er erlern­te dort den Qur’an und eines Tages erklärte sein Meister die Bedeutung eines Verses der Sure Luqman. „Seid Mir dankbar und euren Eltern.“ Diese Worte berührten Abu Yazids Herz.

Meister“, sagte er und legte seine Tafel nieder, „erlaubt mir nach Hause zu gehen und einige Worte an meine Mutter zu richten.“

Der Lehrer erteilte die Erlaubnis und Abu Yazid ging nach Hause.

Warum, Taifur“, rief seine Mutter, „warum bist du nach Hause gekommen? Haben sie dir ein Geschenk gemacht oder hat es irgend­einen anderen besonderen Grund?“

Nein“, erwiderte Abu Yazid, „wir haben den Vers besprochen, in welchem mir Gott aufgetragen hat Ihm und Dir zu dienen. Ich kann doch nicht in zwei Häusern gleichzeitig den Dienst versehen und so hat es mich zu einem Entschluss gedrängt. Entweder bittest du Gott um mich, so dass ich völlig dir gehöre oder übergibst mich Gott, so dass ich vollkommen in Ihm wohnen kann.“

Mein Sohn”, sagte darauf seine Mutter, „ich überlasse dich Gott und entbinde dich deiner Pflichten mir gegenüber. Geh und sei Gottes.“

Die Aufgabe welche ich als die hintergründigste erachtete, erwies sich als die vordergründigste“, erinnerte sich Abu Yazid später.

Und zwar war dies meiner Mutter zu gefallen. Dadurch dass ich meiner Mutter Ehre erwies, erreichte ich all das, was ich durch meine vielen Taten der Selbstdisziplinierung und gottesdienstlichen Handlungen zu erreichen suchte und dies trug sich zu wie folgt. Eines Nachts bat mich meine Mutter um ein Glas Wasser. Ich ging um welches zu holen, doch der Krug war leer. Ich nahm den Eimer, doch dieser war ebenfalls leer und so ging ich zum Fluss um den Eimer zu füllen. Als ich im Haus zurück war, war meine Mutter wieder eingeschlafen.

Es war eine kalte Nacht. Ich behielt den Krug in meiner Hand und als meine Mutter erwachte, trank sie etwas Wasser und segnete mich. Da bemerkte sie, dass der Krug an meiner Hand angefroren war. „Warum hast du den Krug nicht beiseite gestellt?“ rief sie. „Ich hatte Angst dass du aufwachen würdest, wenn ich gerade nicht da wäre“, antwortete ich. „Lass die Tür halb offen“, sagte meine Mutter darauf.

Ich gab fast bis zur Morgendämmerung darauf acht, ob die Türe wohl auch halb offen bliebe und ich die Anordnung meiner Mutter nicht unbeachtet ließ. Und zur Stunde der Morgendämmerung, trat das was ich so inniglich und vielmals ersehnt hatte, durch diese Türe ein.“

Nachdem seine Mutter ihn Gott überlassen hatte, verließ Abu Yazid Bistam und zog vierzig Jahre im Land umher und disziplinierte sich selbst mit ununterbrochnem Wachsein und Hunger. Er suchte hundertdreizehn geistige Vorbilder auf und lernte von ihnen allen.

Unter ihnen war einer namens Sadiq. Er saß zu dessen Füßen, als ihn der Meister plötzlich aufforderte, „Abu Yazid bring mir das Buch, welches am Fenster liegt.“

Fenster? Welches Fenster?“ fragte Abu Yazid.

Was”, sagte der Meister, “jetzt bist du schon so oft hier her gekommen  und hast das Fenster nicht gesehen?“

Nein,“ antwortete Abu Yazid, „was habe ich mit dem Fenster zu tun? Wenn ich hier her vor dich komme, verschließe ich meine Augen vor allem anderen und komme nicht dazu herumzuschauen.“

Wenn das so ist“, sagte sein Lehrer, „geh zurück nach Bistam, deine Arbeit hier ist abgeschlossen.“

Man hatte Abu Yazid von einem herausragenden Lehrer an einem gewissen Ort erzählt. So ging er weit, um diesen aufzusuchen. Als er ganz in seiner Nähe war, sah er diesen in Richtung Mekka spucken und darauf hin kehrte er auf der Stelle um.

Wenn er auch nur irgendetwas auf dem Pfad erreicht hätte“, merkte er an, „hätte er sich niemals der Überschreitung der Gesetzlich­keit schuldig gemacht.“

In diesem Zusammenhang wird erzählt, dass sein Haus vierzig Schritte von der Moschee entfernt war und er niemals aus Respekt vor der Moschee auf die Strasse spuckte.

Abu Yazid braucht zwölf ganze Jahre um die Kaaba zu erreichen. Dies deshalb, weil er an jedem Gebetsplatz anhielt, seinen Gebetsteppich ausrollte und zwei Rakats betete.

Dass ist nicht der Hof eines weltlichen Königs“, pflegte er zu sagen, „dass man in einem Stück gleich hinlaufen könnte.“

Letztlich erreichte er doch die Kaaba. Allerdings gelangte er im gleichen Jahr nicht mehr nach Medina.“

Es wäre nicht gehörig, diesen Besuch einfach anzuhängen“, erklärte er, „ich werde eigene Pilgerkleider für die Reise nach Medina anlegen.“

Das nächste Jahr kehrte er wieder zurück, und legte das Pilgerkleid extra am Rande der Wüste an. Als er auf seiner Reise durch eine bestimmte Stadt kam, schlossen sich ihm eine Menge Leute an und zogen hinter ihm her.

Wer sind diese Menschen?“ wollte er wissen mit einem Blick zurück.

Sie wünschen in Deiner Gegenwart zu sein“, kam die Antwort.

Herr und Gott!“ rief Abu Yazid, „ich bitte Dich, verberge Dich vor Deinen Geschöpfen nicht durch mich!“

Alsdann wollte er deren Liebe zu ihm aus ihren Herzen vertreiben und um das Hindernis seiner selbst aus ihrem Pfad zu entfernen, sprach er nach dem Abendgebet folgendes zu ihnen, „Wahrlich ich bin Gott; und es gibt keinen anderen Gott als mich; daher dienet mir!“

Der Mann ist verrückt geworden“, schrieen sie und verließen ihn sofort.

Abu Yazid setzte seinen Weg fort und fand einen Schädel auf dem geschrieben stand: Taub, stumm und blind – sie verstehen nicht.

Mit einem Aufschrei hob er den Schädel auf und küsste ihn.

Das scheint der Schädel eines Sufis zu sein“, murmelte er, „der in Gott aufgegangen ist - er hat kein Ohr die weltliche Stimme zu vernehmen, kein Auge die vergängliche Schönheit zu erblicken, keine Zunge die Erhabenheit Gottes zu preisen und keinen Verstand, um so viel wie eine Motte vom wahren Wissen um Gott zu begreifen. Dieser Vers beschreibt ihn.“

Eines Tages war Abu Yazid mit einem Kamel unterwegs, dem er einen Sattel mit seiner Verpflegung aufgebunden hatte.

Armes kleines Kamel, das so schwer zu tragen hat“, rief jemand, „das ist wirklich grausam!“

Nachdem Abu Yazid dies immer wieder und wieder anhören musste, antworte schließlich.

Junger Mann, es ist nicht das Kamel, welches diese schwere Last zu tragen hat.“

Der Mann kam, um betätigt zu sehen, dass natürlich das Kamel die Last zu tragen hatte. Er bemerkte jedoch, dass die Last eine Spanne über des Kamels Rücken schwebte und das Kamel kein bisschen davon verspürte.

Ehre sei Gott, ein Wunder!“ rief der junge Mann.

Wenn ich die Wahrheit vor dir verberge, dann zerreißt du deine Zunge in Widerrede“, sagte Abu Yazid, „und wenn ich sie dir offenbare, kannst du sie nicht ertragen. Was soll man mit einem wie dir machen?“

Nachdem Abu Yazid Medina besucht hatte, erhielt er den Befehl zurückzu­kehren und sich um seine Mutter zu kümmern. Sofort machte er sich auf den Weg nach Bistam, von einer Menge Leute begleitet. Die Nachricht verbreitete sich schnell in der Stadt und die Bewohner Bistams kamen eine gute Strecke vor die Stadt, um ihn zu begrüßen. Abu Yazid war nahe daran durch ihr Tun von seiner Gottesaufmerksamkeit abgelenkt zu werden. Als sie bei ihm angelangt waren, nahm er einen Laib Brot aus seinem Ärmel und begann zu essen, obgleich man den Monat Ramadhan schrieb. Als die Leute dies bemerkten, wendeten sie sich sofort wieder von ihm ab.

Habt ihr gesehen“, wandte sich Abu Yazid an seine Begleiter, „ich habe mich an die Vorschrift des geheiligten Gesetzes gehalten und all diese Leute haben mich zurückgewiesen.“

Geduldig warte er bis zum Sonnenuntergang. Mitternacht betrat er Bistam, begab sich zu seiner Mutter Haus und blieb eine Weile lauschend davor stehen. Er hörte das Geräusch davon, dass seine Mutter die Gebetswaschung vollzog und sich ins Gebet begab.

Herr und Gott, kümmere Dich um diesen Auswanderer. Mache die Herzen der Scheichs ihm gewogen und leite ihn an, alle Dinge gut zu verrichten.“

Abu Yazid weinte, als er diese Worte vernahm. Dann klopfte er an die Tür.

Wer ist da?“ rief seine Mutter.

Dein Auswanderer,“ gab er zur Antwort.

Mit Tränen in den Augen öffnete seine Mutter. Ihr Augenlicht war getrübt.

Taifur“, sprach sie ihren Sohn an, „weißt du, was mir das Augen­licht genommen hat? Meine vielen Tränen die ich vergossen habe, weil ich von dir getrennt war. Und mein Rücken ist zweifach gekrümmt von der Last der Sorge, welche ich ertragen habe.“

 

Die Erhebung Abu Yazids

 

Abu Yazid erzählt folgendes.

Ich blickte auf Gott mit dem Auge der Gewissheit, nachdem Er mich auf die Stufe der Unabhängigkeit von allen Geschöpfen erhoben und mein Herz mit Seinem Licht erleuchtet, mir die Wunder Seiner Geheim­nisse und die Erhabenheit seines ER-SEINS enthüllt hatte.

Nach der Betrachtung Gottes wandte ich den Blick auf mich selbst. Mein Licht war Dunkelheit im Vergleich zum Licht Gottes, meine Erhabenheit versank in Nichts im Gegensatz zu Gottes Größe und meine Ehre in Anmaßung im Vergleich zur Ehre Gottes. Hier war alles Rein­heit, alles ohne Makel.

Als ich erneut schaute, sah ich mein Selbst in Gottes Licht und ich verstand, dass mein Ruhm Seine Erhabenheit, Sein Ruhm war. Was immer ich tat, ich tat es durch Seine Allmacht. Was immer das Auge meines physischen Körpers erblickte, sah es durch Ihn. Ich schaute mit dem Auge der Gerechtigkeit und Wirklichkeit; all meine Anbetung geht von Gott aus, nicht von mir, obgleich ich immer angenommen hatte, dass ich es wäre, welcher den Gottesdienst verrichtete.

Ich sprach „Gott – was ist das?“

All das bin Ich – es gibt nichts außer Mir.“

Dann drang Er in mein Auge ein, damit es der Welt nicht mehr gewahr wäre und unterrichtete meiner Augen Blick das Wesen der Dinge wahrzunehmen, das Sein Seines Seins. Er löschte mich meinem Selbst aus und machte mich ewig durch Seine Ewigkeit und erhob mich. Er offenbarte mir Sein eigenes Selbst, ungetrübt durch meine eigene Existenz. So hat Gott, die eine Wahrheit, in mir die Wirklichkeit ver­mehrt. Durch Gott erblickte ich Gott und gewahrte Seine Wirklichkeit. In diesem Zustand verweilte ich für eine Weile in höchster Freude. Mein angestrengtes Ohr machte ich dicht. Die Zunge der Sehnsucht steckte ich in die Kehle der Enttäuschung. Das erworbene Wissen schickte ich in die Verbannung und entfernte die Einmischung der Seele, welche sich um das Schlechte bemüht. Dann hielt ich still für eine Weile, und mit der Hand Gottes Güte, wischte ich alles Überflüssige vom Pfad der grundlegenden Prinzipien. Gott hatte Erbarmen mit mir und gewährte mir ewiges Wissen und pflanzte mir eine Zunge aus Seiner Güte ein Für mich erschuf Er ein Auge aus Seinem Licht und ich sah alle Geschöpfe durch Gott. Mit der Zunge Seiner Güte sprach ich mit Gott und aus dem Wissen Gottes bezog ich Wissen und durch Sein Licht erblickte ich Ihn.

Er sprach: „O du alles ohne allem, mit allem, ohne Mittel mit allen Mitteln!“

Ich sagte: „O Gott, lass mich durch solches nicht irregehen. Lass mich mit meinem eigenen Sein nicht selbstzufrieden werden, und mich nicht mehr nach Dir sehnen. Besser ist es, wenn Du mein ohne mich bist, als ich wäre mein ohne Dich. Besser ist es, dass ich zu Dir durch Dich spreche, als wenn ich zu mir selbst ohne Dich spräche.“

Er sprach, „Nun hör das Gesetzt und überschreite nicht Meine Gebote und Meine Verbote, dass deine Bemühungen Unseren Dank verdienen.“

Ich sagte, „Insoweit ich den Glauben bekenne und mein Herz ihn bestätigt, ist es besser, wenn Du Dir selbst dankst, denn Deinem Sklaven und wenn Du Vorwürfe machst, so bist Du frei von allem Vorwurf.“

Er sagte, „Von wem hast du gelernt?“

Ich sagte, „Der Fragende weiß darüber besser Bescheid als der Befragte, denn Er ist sowohl der Begehrende als auch der Begehrte, er ist der Antwortende und der welcher die Antwort gibt.“

Nachdem Er die Reinheit meiner innersten Seele erkannte, vernahm meine Seele einen Ruf der Befriedigung Gottes; Er beschloss Sein Wohl­ge­fallen über mich. Er erleuchtete mich und befreite mich aus der Dunkelheit der fleischlichen Seele und der Verderbnis fleischlicher Natur. Ich wusste, dass ich durch Ihn lebte; durch Seine Gnade der Teppich der Glückseligkeit sich in meinem Herzen entrollte.

Er sagte, „Bitte worum du auch immer willst.“

Ich sagte, „Ich wünsche nur Dich, denn Du bist größer als jedes Geschenk, gewaltiger als jede Großzügigkeit und durch Dich habe ich habe ich die Zufriedenheit in Dir gefunden. Seit Du mein bist, habe ich meinen Wunschzettel zusammengefaltet. Halte mich nicht von Dir fern und biete mir nicht mir solches an, was geringer ist als Du.“

Eine ganze Weile bekam ich keine Antwort. Alsdann setzte Er mir die Krone der Freigebigkeit aufs Haupt und sprach, „Du sprichst die Wahrheit und die Wirklichkeit erstrebst du – und soweit hast du die Wirklichkeit gesehen und die Wahrheit gesprochen.“

Ich sagte, “Wenn ich gesehen habe, habe ich durch Dich gesehen und wenn ich gehört habe, so geschah dies durch Dich. Du bist der Erste der hört, dann erst hörte ich.“

Und auf mannigfaltige Weise pries ich Ihn. Daraufhin verlieh er mir die Flügel der Majestät, mit welchen ich in die Gefilde Seiner Erhaben­heit entschwebte und die Wunder Seiner Fertigkeiten betrachtete. In Kenntnis meiner Schwäche und Bedürftigkeit verlieh Er mir aus Seiner Kraft und umgab mich mit Seinem Schutz der Zierde.

Er setzte mir die Krone der Freigebigkeit aufs Haupt und eröffnete mir das Tor Seiner Ein- und Einzigkeit. Als Er erkannte, dass meine Eigen­schaften in den Seinen aufgegangen waren, schmückte Er mich mit einem der Namen Seiner Gegenwart und sprach mit Seinem Selbst an. Die Einzigkeit wurde wirklich und Dualität verschwand.

Er sagte, „Unser Wohlgefallen ist dein Wohlgefallen und dein Wohl­ge­fallen ist Unser Wohlgefallen. Deine Rede lässt kein Schändung zu und niemand zieht dich aufgrund Deiner Ich-heit zur Verantwortung.“

Dann ließ er mich den Stich der Eifersucht schmecken und alsdann belebte Er mich erneut und in Reinheit entstieg ich dem Schmelzofen der Prüfung. Dann sprach Er.

Wessen ist das Königreich.“

Ich sagte, “Dein.”

Wessen ist der Befehl?”

Ich sagte, “Dein.”

Er sagte, „Wessen ist die Entscheidung?“

Ich sagte, “Dein.”

Da diese Worte genau die gleichen waren, als jene zu Beginn dieser Unterhaltung, wünschte Er mir zu zeigen, dass, ginge Seine Barmherz­igkeit über alles, fände die Schöpfung keine Erlösung und wäre es nicht der Liebe willen, hätte die Allmacht vollkommene Zerstörung über die Schöpfung gebracht. Er betrachtete mich durch das Auge der Überwäl­ti­gung durch das Medium des Allbezwingenden, sodass erneut keinerlei Spur von mir selbst zu finden war.

In meiner Trunkenheit warf ich mich in jedes Tal. Ich schmolz meinen Körper in jedem feurigen Schmelztiegel Feuer der Eifersucht. Ich galoppierte auf dem Ross des Strebens über die Ebene der Wildnis

Ich fand keine bessere Jagdbeute als äußerste Bedürftigkeit, nichts Besseres fand ich als die völlige Unfähigkeit. Keine Lampe sah ich heller leuchten denn das Schweigen, keine bessere Rede vernahm ich als die der Sprachlosigkeit. Bewohner im Palast des Schweigens wurde ich; ich kleidete mich im Wams der Glückseligkeit, bis die Dinge ihre Ent­schei­dung fanden. Er fand mein Äußeres und Inneres bar des Mangels fleischlicher Natur. Er öffnete einen Riss der Erleichterung in meiner verdunkelten Brust und verlieh mir eine Zunge der Trennung und Einheit. So ist nun endlich die Zunge der ewiglichen Gnade mein, ein Herz göttlichen Lichts und ein Auge göttlicher Machart. Durch Seine Hilfe spreche ich, durch Seine Kraft greife ich. Und da durch Ihn ich lebe, werde ich niemals sterben.

Da ich diese Station erreicht habe, ist mein Merkmal ewiglich; mein Ausdruck für immer andauernd; meine Sprache die Sprache der Einheit, mein Geist der Geist der Vielheit und Trennung. Nicht aus eigenem rede ich, bloß als Erzähler, nicht aus eigenem rede ich, als ein sich bloß Erinnernder. Er bewegt meine Zunge, gerade wie es Ihm beliebt und in all dem bin ich nur ein Übersetzer. In Wahrheit ist Er der Redner und nicht ich.

Mich nun erhöht habend, sprach Er wieder.

Die Geschöpfe sehnen sich danach dich zu sehen.“

Ich sprach „Ich sehne mich nicht danach sie zu sehen. Wenn Du beschließt, mich den Geschöpfen vorzuführen, so werde ich mich Dir nicht widersetzen. Hülle mich in Deine Einheit, sodass, wenn Deine Geschöpfe mich anblicken und Dein Handwerk erkennen, sie den Künstler erblicken und ich gar nicht vorhanden bin.“

Diesen Wunsch erfüllte Er mir; und er setzte mir die Krone der Freigebigkeit auf mein Haupt und veranlasste mich, den Zustand meiner fleischlichen Natur zu überwinden.

Dann sagte Er, „Tritt vor Meine Geschöpfe.“

So trat ich einen Schritt aus der Gegenwart und beim zweiten Schritt fiel ich kopfüber. Ich vernahm einen Ruf.

Bringt Meinen Geliebten zurück, denn er kann ohne Mich nicht sein und auch kennt er keinen Weg außer den zu Mir.“

Abu Yazid erzählte auch folgendes.

Als ich das erste mal in die Einheit trat und sie erkannte – lief ich für viele Jahre in diesem Tal auf den Füssen des Verstehens, bis ich zu einem Vogel wurde, dessen Körper aus Einheit gemacht war und dessen Schwingen aus Ewigkeit bestanden. Ich flog lange durchs Firma­ment der Bedingungslosigkeit und als ich den geschaffenen Dingen ent­schwand, sprach ich.

Ich bin zum Schöpfer gelangt.“

Darauf erhob ich meinen Kopf aus dem Tal der Herrschaft. Ich stürzte einen Becher hinunter gegen den Durst der in aller Ewigkeit nie gestillt wird. Dann flog ich dreißigtausend Jahre in der Weite Seiner Einheit und weitere dreißigtausend Jahre flog ich in Seiner Göttlichkeit und noch­mals dreißigtausend Jahre in Seiner Einzigkeit. Als neunzig­tausend Jahre vergangen waren, sah ich Abu Yazid und alles was ich sah, war – ich war alles.

Darauf durchquerte ich viertausend Wildnisse und kam ans Ende. Als ich aufblickte, erkannte ich mich am Anfang der Stufe der Prophet­en­­schaft. Eine ganze Weile bewegte ich mich in dieser Ewigkeit weiter bis ich sprach, „Niemand gelangte jemals höher. Erhabener als diese Position kann keine sein.“

Als ich genauer hinsah, bemerkte ich, dass mein Kopf sich unter der Fußsohle eines Propheten befand. Da erkannte ich, dass die höchste Stufe der Heiligen bis zum Anfang der Stufe der Propheten reicht. Der Zustand über der Stellung der Propheten kennt keine Bezeichnung.

Dann durchdrang mein Geist das ganze jenseitige Reich, und Himmel und Hölle erschienen ihm, doch nichts geschah, was er nicht ertragen konnte. An keiner Seele eines Propheten zog er vorbei, ohne ihm den Gruß zu entbieten und als er an die Seele des von Gott Erwählten kam, Friede sei mit ihm, erblickte er hunderttausend uferlose Meere aus Feuer und tausend Schleier aus Licht. Wäre ich auch nur mit einem Zeh in eines dieser Meere eingetaucht, so wäre ich der vollstän­digen Vernichtung überantwortet worden. Das erfüllte mich so mit Furcht und Verwirrung, dass rein gar nichts mehr von mir übrig blieb. Dennoch wünschte ich, nur den Zeltpflock von Muhammad, Gottes Gesand­ten, Pavillon sehen zu können. Ich getraute mich nicht. Obwohl ich an Gott gelangt war, hatte ich nicht den Mut, an Muhammad heran­zu­treten.

Dann sagte Abu Yazid. „O Gott, jedes Ding das ich sah, war ich. Es gibt keinen Weg zu Dir, solange dieses “ich” noch vorhanden ist. Es gibt keinen Weg für mich, mein Selbst zu überkommen. Was muss ich tun?“

Der Befehl kam, „Um aus Deiner „Duheit“ befreit zu werden, folge unserem Geliebten, dem Araber Muhammad. Salbe dein Auge mit dem Staub seiner Füße und folge ihm weiter nach.“

 

Abu Yazid und Yahya-e Mu’adh

 

Yahya-e Mu’adh schrieb einen Brief an Abu Yazid und fragte, „Was sagst du zu einem Mann, der einen Becher Wein geleert hat und von Ewigkeit zu Ewigkeit davon trunken wurde?“

Abu Yazid antwortete, „Das weiß ich nicht. Was ich aber weiß ist, dass es hier einen Mann gibt, der in einer einzigen Nacht, einem einzigen Tag all die Meere der Ewigkeit geleert hat und dann nach mehr verlangt hat.“

Yahya-e Mu’adh schrieb zurück, „Ich muss dir ein Geheimnis sagen, doch unser Treffen wird im Paradies stattfinden. Dort im Schatten von Tuba, will ich es dir sagen.“ Und mit dem Brief schickte er einen Laib Brot mit der Botschaft, „Der Scheich muss davon nehmen, denn ich habe es mit Zamzam Wasser geknetet.“

In seiner Antwort sagte Abu Yazid in Hinblick auf Yahyas Geheimnis, „Was das Treffen anlangt, das du erwähnst, ich erfreue mich schon jetzt – im Gedenken Seiner - des Paradieses und des Schatten des Baumes. Und was das Brot betrifft, so kann ich davon nicht nehmen. Du hast zwar erwähnt mit welchem Wasser du es geknetet hast, doch nicht aus welchem Samen, den du gesät hast.“

Yahya-e Mu’adh überkam nun ein großes Verlangen Abu Yazid zu besuchen. Er kam bei ihm eine Stunde vor dem Nachtgebet bei ihm an.

Ich konnte den Scheich aber nicht stören,“ erinnerte sich Yahya, „doch gleichzeitig konnte ich mich nicht bis zum Morgen gedulden. Also begab ich mich an den Ort in der Wüste, an dem mir gesagt worden war, dass er sich befände. Dort sah ich den Scheich das Gebet vor dem Schlafengehen verrichten, doch er blieb bis zum Morgen auf seinen Zehen­spitzen stehen. Wie angewurzelt war ich voller Staunen und verfolgte die ganze Nacht hindurch seine Andacht. Als der Morgen anbrach, hörte ich ihn folgende Worte sprechen, „Ich nehme Zuflucht bei Dir, Dich um diese Position zu bitten.“

Yahya riss sich zusammen und grüßte Abu Yazid und fragte ihn, was ihm denn in dieser Nacht widerfahren wäre.

Mehr als zwanzig Zustände wurden mir vorgeführt, „gab Abu Yazid ihm Auskunft, „doch ich begehre nicht einen von ihnen, denn sie sind alle Zustände der Verschleierung.“

Meister, warum hast du Gott nicht um Gnosis gebeten, Er ist doch der König der Könige, der sagte: „Bittet Mich worum immer ihr wollt“? begehrte Yahya zu wissen.

Sei still“, rief Abu Yazid, „ich bin auf mich selbst eifersüchtig, Ihn zu kennen, da ich nichts anderes wünsche, als dass nur Er sich Selbst kenne. Wo Sein Wissen ist, was habe ich dabei verloren? Das ist in Wirklichkeit Sein Wunsch, Yahiya, nur Er und niemand anders, soll Ihn kennen.“

Bei der Erhabenheit Gottes,“ verlangte Yahya, „gib mir einen Teil jenes Gabe, welche dir letzte Nacht zuteil wurde.“

Wenn dir gegeben wäre die Vorzüglichkeit Adams, die Heiligkeit Gabriels, die Freundschaft Abrahams, die Sehnsucht des Moses, die Reinheit Jesu und die Liebe Muhammads, „gab Abu Yazid zurück, “wäre dein Verlangen immer noch nicht gestillt. Nach mehr, welches alles übersteigt wäre dein Begehr. Halte deine hohe Vision aufrecht und steige nicht von ihr herab; denn wohin auch immer du dich herab begibst, von dem wirst du verdeckt.“

 

Abu Yazid und seine Schüler

 

Es gab zu Abu Yazids Zeit einen außergewöhnlichen Asketen, der als Heiliger Bistams galt. Er hatte seine eigenen Schüler und Bewunderer und gleichzeitig blieb er nie dem Kreis um Abu Yazid fern, hörte all seinen Reden zu und saß unter dessen Gefährten. Eines Tages sagte er zu Abu Yazid, „Meister, heute sind es dreißig Jahre, dass ich ununterbrochen das Fasten einhalte. Auch bete ich in der Nacht, sodass ich niemals schlafe, und dennoch entdecke ich keine Spur jenes Wissens von dem du sprichst. Ich glaube an dieses Wissen über alles und liebe es darüber zu hören.“

Selbst wenn du dreihundert Jahre lang fastest“, antwortete Abu Yazid, „wirst du kein Fünkchen dieses Wissens entdecken.“

Warum?“ fragte der Schüler.

Weil du durch dein eigenes Selbst verhüllt bist“, gab Abu Yazid zurück.

Was kann man dagegen tun?“ wollte der Mann wissen.

Niemals wirst du dies annehmen,“ antwortete Abu Yazid.

Doch das werde ich“, widersprach der Mann, „also sag es mir, damit ich mich entsprechend verhalte.“

Also gut“, sagte Abu Yazid, „dann geh sofort und lasse dir deine Haare und deinen Bart abschneiden. Zieh diese Kleider aus, die du anhast und binde dir ein Hüfttuch aus Ziegenfell um. Hänge dir ein Säckchen voller Nüsse um den Hals, geh dann auf den Marktplatz, rufe alle Kinder zu dir und sag ihnen, dass du jedem von ihnen eine Nuss geben wirst der dich schlägt. Auf diese Weise gehe durch die ganze Stadt, besonders dorthin wo man dich kennt. Das ist dein Heilmittel.“

Alles Lob gebührt Gott! Es gibt keinen Gott außer Gott“, rief der Schüler, als er diese Worte gehört hatte.

Wenn ein Ungläubiger diese Worte gerufen hätte, würde er ein Gläubiger geworden sein“, merkte Abu Yazid an, „aber du bist durch deinen Ausruf zu einem Polytheist geworden.“

Warum das?“ wollte der Schüler wissen.

Weil du dich selbst als zu erhaben einschätzt um das zu tun, was ich dir gesagt habe“, erklärte Abu Yazid, „Dadurch bist du zu einem Polytheisten geworden. Du hast diesen Ausruf getan, um deine eigene Bedeutung hervorzuheben, nicht um Gott zu loben.“

Das kann ich nicht tun“, protestierte der Mann, „gib mir eine andere Empfehlung.“

Das Heilmittel für dich habe ich dir genannt“, erklärte Abu Yazid.

Ich kann das nicht tun“, wiederholte der Mann.

Habe ich dir nicht gleich gesagt, du würdest es nicht tun können, dass du mir nicht gehorchen würdest?“ sagte Abu Yazid.

 

Geschichten über Abu Yazid

 

Zwölf Jahre lang“, sagte Abu Yazid, „war ich der Schmied meiner Seele. Ich warf sie in den Schmelzofen der Disziplin und ließ sie von brennender Anstrengung glühend rot werden., dann legte ich sie auf den Amboss des Wiederantritts und klopfte sie mit dem Hammer der Selbstanklage, bis ich aus meiner Seele einen Spiegel geschmiedet hatte. Fünf Jahre lang war ich mein eigener Spiegel, den ich mit jedem Mittel der guter Tat und des Gehorsams polierte. Danach betrachtete ich mein Spiegelbild ein Jahr lang und entdeckte um meine Hüften einen Gürtel des Selbstbetrugs, der Einbildung und Ichsucht, denn ich hatte mich auf meine guten Taten verlassen und mein Betragen gut geheißen. Weitere fünf Jahre hatte ich zu arbeiten, bis ich diesen Gürtel abgelegt hatte und wieder ein neuer Muslim geworden war. Ich betrachtete die Geschöpfe und entdeckte, dass sie tot waren. Ich sprach vier Allahu Akbar über sie und nachdem ich von ihren Totenfeiern zurückgekehrt war, ohne die Drängelei der Geschöpfe Gottes, gelangte ich zu Gott

Und Immer wenn Abu Yazid an eine Moscheetür gelangte, blieb er weinend eine Weile davor stehen.

Warum tust du so?“ wurde er gefragt.

Ich fühle mich wie eine menstruierende, die sich schämt die Moschee zu betreten“, antwortete er.

Eines Tages brach Abu Yazid auf eine Reise nach dem Hedjaz auf, doch kaum war er aufgebrochen, kehrte er auch schon wieder um.

Niemals hast du bislang etwas nicht erreicht, was du dir vorge­nommen hattest. Warum dieses Mal?“  wurde er gefragt.

Ich war gerade in Richtung Mekka aufgebrochen”, gab er zur Antwort, “da sah ich einen schwarzen Mann mit gezogenem Schwert „Wenn du nun umkehrst schön und gut. Wenn nicht, werde ich dir den Kopf abschlagen. Du hast Gott in Bistam zurückgelassen und bist ohne ihn zum geheiligten Haus aufgebrochen““

Ein Mann sprach mich auf der Strasse an“, erinnerte sich Abu Yazid, „Wohin gehst du?“ wollte er wissen.

Auf die Pilgerfahrt“, gab ich zur Antwort.

Wie viel Geld hast du dabei?“

Zweihundert Dirham.“

K

 
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