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  Dhu l-Nun al-Misri
 

Dhu ‘l-Nun al-Misri

 

Abu ‘l-Faiz Thauban ibn Ibrahim al-Misri, genannt Dhu ‘l-Nun, wurde zu Ekhmim in Oberägypten ca. 180 (796) geboren, studierte unter vielen Lehrern und bereiste ausgiebig Arabien und Syrien.  214 (829) wurde er wegen Häresie verhaftet und in Bagdad ins Gefängnis gewor­fen. Nach einer Untersuchung wurde er auf Befehl des Kalifen entlas­sen und nach Kairo zurück gebracht wo er 246 (861) starb. Sein Grab­stein ist bis heute erhalten geblieben. Legendären Ruf erwarb er sich als Alchemist und Thaumaturge und vermutlich war ihm das Geheimnis der ägyptischen Hieroglyphen bekannt. Eine Anzahl von Gedichten und einige kurze Abhandlungen werden ihm zugeschrieben, welche aller­dings als apokryph gelten.

 

Dhu ‘I-Nun der Ägypter und wie er bekehrt wurde

 

Dhu ‘l-Nun der Ägypter erzählte folgende Geschichte über seine Bekehr­ung.

Ich hatte von einem gewissen Asketen gehört, der in einer Höhle lebte und beschloss ihn aufzusuchen. Als ich zu dieser Höhle kam, sah ich ihn von einem Baum herunterhängen.

O Körper“, hörte ich ihn sagen, „hilf mir dabei, Gott zu gehor­chen, sonst lasse ich dich da hängen, bis du an Hunger stirbst.“

Du überkamen mich die Tränen und dieser Gottergebene hörte mein Weinen.

Wer ist da?“ rief er, „wer hat da Mitleid mit einem, dessen Scham gering, doch dessen Vergehen viele sind?“

Ich näherte mich ihm und grüßte ihn.

Was machst du denn hier?“ fragte ich.

Dieser, mein Körper hier, gibt mir keinen Frieden in meinem Gehorsam gegen Gott“, gab er zur Antwort, „er will sich an anderen Menschen reiben.“

Ich schloss aus diesen Worten, er hätte das Blut eines Muslims vergossen oder ein andere Todsünde begangen.

Hast du denn nicht bemerkt“, sagte der Asket weiter, „dass wenn du dich einmal mit anderen Menschen einlässt, alles andere folgt?“

Was bist du nur für ein gewaltiger Asket“, rief ich.

Willst du jemanden kennen lernen, der ein noch gewaltigerer Asket ist?“ frage er.

Doch, schon“, meinte ich.

Dann steige diesen Berg hinauf, dort wirst du ihn finden“, verriet er mir.

Ich machte mich also auf den Weg und fand einen jungen Mann suqatting in seiner Klause. Eines seiner Beine hatte er amputiert und aus der Behausung geworfen, wo es nun da lag und von den Würmern zerfressen wurde. Ich näherte mich ihm, grüßte ihn und fragte ihn nach seiner Geschichte.

Eines Tages“, so erzählte er, „saß ich hier in meiner Klause, als eine Frau des Weges kam. Mein Herz flog ihr zu und mein Körper verlangte von mir ihr zu folgen. Als ich nun einen Fuß aus meiner Zelle setzte, vernahm ich eine Stimme, die zu mir sagte: „Schämst du dich nicht, nach dreißig Jahren gehorsamen Gottesdienst auf den Teufel zu hören und einem leichten Mädchen nachzulaufen?“ So habe ich mir diesen Fuß abgeschnitten, den ich aus meiner Klause heraus gesetzt hatte und nun sitze ich hier und warte was mit mir geschehen wird und was man mit mir machen wird. Und was hat dich bewogen solche Sünder aufzusuchen? Wenn du einen wahren Mann Gottes finden willst, so begib dich auf den Gipfel dieses Berges.“

Der Berg erschien mir viel zu hoch für mich zu sein und so wollte ich mehr über diesen Mann erfahren.

Ja“, meinte der Einsiedler, „es ist nun schon eine geraume Zeit, dass dieser Mann mit Gottesdienst beschäftigt ist. Eines Tages kam ein Mensch zu ihm, zankte mit ihm und erklärte ihm, dass man sein täglich Brot verdienen müsse. Da legte der in Gott Ergebene einen Eid ab, dass er nichts mehr essen würde, welches den Besitz irgendwelcher weltlichen Güter erfordern würde. Viele Tage nahm er darauf nichts mehr zu sich. Dann sandte ihm der Allmächtige Gott einen Bienen­schwarm, der ihn ganz umhüllte und ihm Honig schenkte.“

Diese Dinge die ich da gesehen und gehört hatte hatten mich tief betroffen gemacht und bedrückten mein Herz. Ich hatte erkannt, dass, wenn jemand sein Vertrauen in Gott legt, Gott für ihn sorgt und er seine Schmerzen nicht vergeblich erträgt. Als ich so meinen Weg fortsetzte, entdeckte ich ein blindes Vöglein, welches von einem Baum herunter­flatterte.

Woher soll diese kleine, hilflose Kreatur nun Nahrung und Wasser erhalten?“ rief ich laut.

Das Vöglein scharrte mit seinem Schnabel auf der Erde und zwei Schüsseln kamen zum Vorschein. Eine goldene, voll mit Körnern und die andere aus Silber mit Rosenwasser gefüllt. Das Vöglein stillte seinen Hunger und Durst und flog wieder auf seinen Baum zurück. Darauf hin verschwanden diese beiden Schüsseln.“

Überwältigt legte von da an Dhu ‘l-Nun sein Vertrauen vollständig in Gott. Er war noch ein gutes Stück weitermarschiert und als die Nacht anbrach, war er an den Rand einer Wüste gekommen. Da entdeckte er einen Topf, randvoll angefüllt mit Gold und Juwelen und bedeckt war der Topf mit einem Tablett, auf welchem der Name Gottes geschrieben stand. Seine Gefährten teilten das Gold und die Juwelen unter sich auf.

Gebt mir nur dieses Tablett, auf welchem der Name meines Freundes geschrieben steht“, forderte Dhu ‘l-Nun.

Er nahm das Tablett und küsste es die ganze Nacht lang und den Tag darauf, bis der Segen dieses Tabletts ihn träumen ließ und er eine Stimme zu ihm sprechen hörte, „Alle anderen haben das Gold und die Juwelen begehrt, denn sie sind kostbar. Doch du hast etwas gewählt, was erhabener ist als diese, meinen Namen. Daher habe ich für dich das Tor des Wissens und der Weisheit geöffnet.“

Darauf kehrte Dhu ‘l-Nun in die Stadt zurück, wo seine Geschichte Fortsetzung fand.

Eines Tages wandelte ich an den Ausläufen eines Flusses, als ich einen Pavillon entdeckte. Ich vollzog meine rituelle Waschung und dabei fiel mein Blick auf das Dach dieses Pavillons, auf welchem ein wunderschönes Mädchen stand. Ich wollte sie prüfen und daher fragte ich sie: „Mädchen, zu wem gehörst du?“

Dhu ‘l-Nun, als ich dich aus der Ferne kommen sah, dachte ich, du wärst ein Verrückter, als du näher kamst, dachte ich, du wärst ein Gelehrter, als du noch näher kamst, dachte ich, du wärst ein Mystiker. Nun sehe ich, dass du weder verrückt, noch ein Gelehrter und auch kein Mystiker bist.“

Wie meinst du das?“ wollte ich überrascht wissen.

Wärst du ein Verrückter“, gab sie zur Antwort, „hättest du nicht deine Gebetswaschung vollzogen. Wärst du ein Gelehrter, hättest du nicht angestarrt, was deinem Blick verboten ist und wärst du ein Mystiker, hättest du nichts anderes als Gott erblickt.“

Mit diesen Worten verschwand sie und ich erkannte, dass sie kein sterbliches Geschöpf gewesen, sondern als Warnung zu mir geschickt worden war. Ein Feuer entbrannte in meiner Seele und ich eilte hin zum Meer. Als ich ans Ufer gelangt war, erblickte ich eine Gruppe Menschen, die gerade ein Schiff bestiegen. Auch ich ging an Bord. Nachdem einige Tage vergangen waren, geschah es, dass einer der Händler einen Edelstein an Bord verloren hatte. Ein Passagier nach dem anderen wurde angehalten und durchsucht. Schließlich kamen sie einstimmig zur Auffassung, dass ich diesen Edelstein hätte. Sie beschimp­ften mich und behandelten mich zutiefst geringschätzig, doch ich schwieg zu all dem. Letztlich konnte ich diese Behandlung nicht mehr ertragen und rief:

O mein Schöpfer, Du weißt die Wahrheit!“

Darauf erhoben tausende von Fischen ihre Köpfe aus dem Wasser, jeder mit einem Juwel im Maul.

Dhu ‘l-Nun nahm einen Edelstein von einem der Fische und gab ihn dem Kaufmann. Als sie dies sahen, fielen alle an Bord Dhu ‘l-Nun vor die Füße und flehten um seine Vergebung. So hoch war sein Ansehen unter den Menschen gestiegen und daher wurde er Dhu ‘l-Nun („der Fischmann“) genannt.

 

Dhu ‘l-Nun wird verhaftet und nach Bagdad gebracht

 

Als Dhu ‘l-Nun schon einen sehr hohen (geistigen) Rang bekleidete, war sich niemand seiner Größe bewusst. Die Leute aus Ägypten verleum­deten ihn ständig als Häretiker und informierten den Kalif Muttawakil über seine Taten. Muttawakil befahl seinen Schergen ihn zu verhaften und in Fesseln ihm vorzuführen. Als Dhu ‘l-Nun des Kalifen Hof betrat verkündete er,

Heute habe ich den wahrhaften Islam durch eine alte Frau kennen gelernt und wahre Höflichkeit von einem Wasserträger.“

Wie das?“ wurde er gefragt.

Als ich an des Kalifen Hof gebracht wurde“, erwiderte er, „und dessen Pracht erblickte, mit all den Ordonanzen und Hofschranzen, welche durch die Gänge eilen, wünschte ich eine Verwandlung meines Aussehens. Da trat eine Frau mit einem Stab in der Hand an mich heran und sprach zu mir.

Hab keine Angst vor dem Körper, vor den man dich nun bringen wird, denn er und du seid beide Diener des Einen Allmächtigen Herrn. Und wenn Gott es nicht will, können sie seinem Diener nichts anhaben.“

Und dann sah ich einen Wasserträger auf der Strasse, der mir einen Schluck Wasser reichte. Ich gab einem der mit mir war ein Zeichen, ihn zu bezahlen, doch dieser Wasserträger weigerte sich irgendeine Bezahl­ung anzu­nehmen.

Du bist ein Gefangener in Ketten“, sagte er, „und es wäre keines­wegs anständig, von solch einem Gefangenen, einem Fremden in Ketten etwas abzuverlangen.““

Kurze Zeit darauf wurde befohlen, Dhu ‘l-Nun ins Gefängnis zu werfen. Vierzig Tage und Nächte verbrachte er eingekerkert und jeden Tag brachte ihm die Schwester von Bashr, dem Barfüssigen einen Laib Brot, den sie mit der Arbeit ihrer Spindel verdient hatte. Als er aus dem Gefängnis entlassen wurde, waren die vierzig Laib Brot noch immer unangetastet. Als Bashirs Schwester dies hörte, war sie sehr traurig.

Du weißt“, sagte sie, „dass dieses Brot aus ehrlicher Quelle stammte. Warum hast du es nicht gegessen?“

Weil der Teller unrein war“ antwortete Dhu ‘l-Nun und meinte, dass es durch die unreinen Hände des Kerkermeisters gegangen war. Als Dhu ‘l-Nun aus dem Kerker trat, stolperte er und schlug sich die Stirn wund. Es wird erzählt, dass obwohl viel Blut floss, nicht ein Tropfen in sein Gesicht, auf sein Haar oder sein Gewand fiel und alles Blut, welches auf den Boden tropfte, sofort, auf den Befehl des Allmächtigen Gottes verschwand.

Dann zerrten sie ihn vor den Kalifen, der ihm befahl, zu den Anschul­digungen Stellung zu nehmen. Er erklärte seine Lehre in solch besonderer Art, dass der Kalif in Tränen ausbrach und die Minister voller Erstaunen seine Beredsamkeit bewunderten. So wurde der Kalif sein Schüler und bedachte ihn mit hohen Ehren.

 

Dhu ‘l-Nun und der fromme Schüler

 

Dhu ‘l-Nun hatte einen Schüler, der vierzigmal die vierzigtägige Einkehr hinter sich gebracht, vierzigmal auf dem Berg Arafat gestanden hatte und vierzig Jahre lang die Nächte hindurch wach geblieben war. Vierzig Jahre lang hatte er einen Wächter über sein Herz gesetzt. Eines Tages kam er zu Dhu ‘l-Nun und sprach zu ihm.

Vierzig Jahre lang habe ich all dies getan und dennoch spricht der Freund kein Wort mit mir und schenkt mir keinen einzigen Blick. Er beachtet mich weder, noch offenbart Er mir etwas aus der unsicht­baren Welt. All das sage ich nicht, um mich zu loben, sondern zähle nur Tatsachen auf. Alles habe ich getan, was mir Armseligen eben möglich war. Ich klage nicht gegen Gott. Ich führe nur die Tatsache an, dass ich mein ganzes Herz und meine Seele in Seinen Dienst stelle. Doch ich erzähle die traurige Geschichte meines bösen Glücks, die Geschichte meines Unglücks. Ich sage dies auch nicht, weil mein Herz der Gehor­sam­keit überdrüssig wurde. Ich fürchte nur, sollte ich noch weiterleben, dass es so weitergehen wird. Denn ein ganzes Leben habe ich an das Tor der Hoffnung geklopft und doch keine Antwort erhalten. Nun fällt es mir schwer, dies noch länger zu ertragen. Da du der Arzt der Unglücklichen bist, der höchste Rezeptschreiber der Weisen, behandle nun doch meine Verzweiflung.“

Geh und iss dich satt heute Nacht“, riet ihm Dhu ‘l-Nun.

Lass das Gebet vor dem Zubettgehen aus und schlafe die ganze Nacht durch. So kann es sein, dass, wenn sich der Freund nicht in Zu­wen­dung zeigt, Er sich doch wenigstens in Vergeltung zeigt; zeigt Er sich dir nicht in Vergebung, so vielleicht doch in Strenge.“

Der Derwisch verließ ihn und aß bis er endlich einmal satt war. Sein Herz gestatte ihm allerdings nicht, das Gebet zu vernachlässigen und so verr­ichtete der das Gebet und ging schlafen. Diese Nacht sah er den Propheten im Traum.

Dein Freund grüßt dich“, sagte der Prophet, „Er sagt: „ein unglück­selig Ruchloser und Betrüger ist der, welcher an meinen Hof kommt und gleich zufrieden gestellt ist. Die Ursache dieser Angelegen­heit ist Aufrichtigkeit des Lebens und keine Vorwürfe. Gott der Allmächtige verkündet, Ich habe Deinem Herzen seine Wünsche vierzig Jahre erfüllt und gewähre dir alles, wonach du dich sehnst. Doch bestelle Dhu ‘l-Nun diesem Gauner, diesem Heuchler meine Grüße. Sag diesem Lügner und Betrüger, „wenn Ich deine Scham nicht vor der ganzen Stadt entblöße, bin Ich nicht dein Herr. Sieh zu, dass du die unglücklichen Liebenden an meinem Hofe nicht betrügst und sie von ihm wegscheuchst.““

Der Schüler erwachte tränenüberströmt und begab sich gleich zu Dhu ‘l-Nun und erzählte ihm was er gesehen und gehört hatte. Als Dhu ‘l-Nun die Worte: „Gott grüßt dich und bezeichnet Dich als Heuchler und Lügner“, geriet er aus Freude gänzlich aus der Fassung und völlig enthemmt begann er zu lachen, bis ihm die Tränen kamen.

 

Dhu ‘l-Nuns Anektoten

 

Dhu ‘l-Nun erzählte folgende Geschichte

Ich war in den Bergen unterwegs und traf dort auf ein bedauerns­wertes Volk.

Was ist euch denn zugestoßen?“ fragte ich.

Ein Einsiedler lebt hier in seiner Klause“, antworteten sie, „und einmal im Jahr kommt er heraus und heilt mit seinem Atem die Leute. Dann kehrt er wieder in seine Klause zurück und erscheint erst wieder nach einem Jahr.“

Ich wartete geduldig bis dieser Einsiedler heraus kam und erblickte einen blassen Mann mit eingefallenen Augen. Sein Anblick ließ mich erzittern. Mitleidig überblickte er die Menge und dann erhob er die Augen zum Himmel und blies mehrmals über die bedauernswerten Menschen. Alle wurden geheilt.

Als er in seine Klause zurücktreten wollte, ergriff ich ihn bei seinem Hemd.

Um der Liebe Gottes willen“, rief ich, „du hast die äußerlichen Krankheiten geheilt, so bete und heile die inwendige Krankheit.“

Dhu ‘l-Nun“ sagte er und starrte mich an, „nimm deine Hand von mir. Der Freund beobachtet uns von der höchsten Höhe der Macht und Majestät. Wenn er dich an jemand anderen klammern sieht, wird er dich dieser Person aus­liefern und diese Person dir ausliefern und ihr werdet beide aneinander zugrunde gehen.“

Mit diesen Worten verschwand er in seiner Zelle.“

Eines Tages fanden Freunde die Dhu ‘l-Nun besuchten ihn in Tränen aufge­löst.

Warum weist du?“ fragten sie.

Letzte Nacht, als ich mich im Gebet niederwarf“, gab er zur Antwort, „bin ich eingeschlafen. Ich erblickte den Herrn und er sprach zu mir, „O Abu `l-Faiz, Ich erschuf alle Lebewesen und sie trennten sich in zehn Teile. Ich bot ihnen die materielle Welt an und neun dieser zehn Gruppen wandten sich ihr zu und nur ein Teil blieb über. Diese Gruppe spaltete sich erneut in zehn Abteilungen. Ich bot diesen das Paradies an und neun von ihnen wandten sich ihm zu und eine Gruppe blieb übrig. Diese eine Gruppe spaltete sich wiederum in zehn Teile. Ich setzte die Hölle vor sie und sie alle flohen von ihr und zerstreuten sich vor lauter Angst vor ihr, nur eine Gruppe blieb über, nämlich jene, welche weder von der materiel­len Welt angezogen wurden, noch das Paradies begehrte und auch die Hölle nicht fürchtete. Ich sagte zu ihnen, „Meine Diener, ihr habt die materielle Welt nicht beachtet, das Paradies nicht begehrt, noch die Hölle gefürchtet. Wonach begehrt ihr?“ Sie erhoben die Häupter und riefen: „Du weißt am besten, wonach wir begehren.“

Eines Tages suchte ein Knabe Dhu ‘l-Nun auf und sagte, „Ich besitze hundert tausend Dinare und will sie in deinem Dienst ausgeben. Ich will dieses Gold für deine Derwische verwenden.

Bist du schon erwachsen?“ fragte ihn Dhu ‘l-Nun.

Nein“, gab dieser zur Antwort.

Dann steht es dir nicht zu, solche Ausgaben zu tätigen“, belehrte ihn Dhu ‘l-Nun. „Warte geduldig bis du erwachsen geworden bist.“

Als die Zeit gekommen war, kehrte der Junge zu Dhu ‘l-Nun zurück, bereute in seinen Händen und gab all sein Gold den Derwischen bis nichts mehr von diesen hundert tausend Dinaren übrig war.

Nicht viel später geschah ein Unglück, doch nichts war den Derwischen geblieben, hatten sie doch das ganze Geld ausgegeben.

Welch ein Pech, dass es nicht noch einmal hundert tausend gibt, damit ich sie für diese wunderbaren Männer ausgeben könnte“, sagte der Wohltäter.

Als Dhu ‘l-Nun ihn diese Worte sprechen hörte, erkannte er, dass der junge Mann noch nicht zur inneren Wahrheit des mystischen Lebens vorge­drungen war, da weltliche Güter noch immer von Bedeutung für ihn waren. Er rief den jungen Mann zu sich und wies in an, „Geh zu jenem Apotheker und sag ihm von mir, er soll dir für drei Dirham von der-und-der Medizin geben.“

Der Junge tat wie ihm geheißen und kehrte gleich darauf zurück.

Gib die Sachen in den Mörser und zerreibe sie zu feinem Pulver“, befahl ihm Dhu ‘l-Nun. „dann füge etwas Öl dazu, damit es zu einer Paste wird. Forme daraus drei Kügelchen, durchstoße jedes mit einer Nadel und dann bringe sie mir.“

Der Junge tat wie ihm aufgetragen war und brachte ihm die Kügel­chen. Dhu ‘l-Nun rieb sie in seinen Händen und blies über sie und sie verwandelten sich in drei Rubine, so schön wie man es noch nie gesehen hatte.

Nun nimm sie, bringe sie zum Marktplatz und lasse ihren Wert schätzen“, befahl ihm Dhu ‘l-Nun, „aber verkaufe sie nicht!“

Der Junge ging und jeder Stein wurde auf tausend Dinare geschätzt. Er ging zu Dhu ‘l-Nun zurück und berichtete ihm dieses Ergebnis.“

Jetzt gib sie in diesem Mörser, zerstoße sie und wirf sie ins Wasser“, wies Dhu ‘l-Nun ihn an.

Der Junge führte getreulich aus, wie es ihm aufgetragen worden war.

Mein Junge“, sagte Dhu ‘l-Nun, „diese Derwische sind nicht hungrig weil sie zuwenig Brot haben, sie haben sich dafür freiwillig ent­schieden.“

Der Junge bereute und seine Seele erwachte und fortan hatte die Welt keinen Wert mehr in seinen Augen.

Dhu ‘l-Nun erzählte folgende Begebenheit.

Dreißig Jahre habe ich die Menschen zur Reue aufgerufen, doch nur eine einzige Person kam an den Hof Gottes in rechtem Gehorsam. Und dies begab sich folgendermaßen.

Eines Tages zog ein Prinz mit seinem Gefolge an mir vor der Moschee vorbei und ich sprach folgende Worte.

Kein Mensch ist dümmer, als ein Schwächling, der sich mit den Starken anlegt.“

Was soll dies bedeute?“ begehrte der Prinz zu wissen.

Der Mensch ist ein Schwächling und doch legt er sich mit Gott an, der der Starke ist“, sagte ich.

Der junge Prinz wurde blass, stand auf und entfernte sich. Nächsten Tag kehrte er zurück.

Welches ist der Weg zu Gott?“, verlangte er zu wissen.

Es gibt den großen und den kleinen Weg“, antwortete ich, „welchen der beiden willst du? Wenn du nach dem kleinen begehrst, dann sage dich los von dieser Welt, den fleischlichen Gelüsten und sündigem Treiben. Willst du den großen, dann sage dich von allem los außer von Gott und entleere dein Herz aller Dinge.“

Bei Gott“, sprach der Prinz, „ich wähle den großen Weg:“

Am nächsten Tag legte er das wollene Gewand an und begab sich auf den mystischen Pfad. Und auf rechtem Weg wurde er zu einem Heiligen.

Die folgende Geschichte erzählte Abu Ja’far der Uniyde.

Ich war mit Dhu ‘l-Nun und all seinen Gefährten zusammen und sie erzählten sich Geschichten über unbelebte Dinge, welche Befehle befolgten. Im Raum stand auch ein Sofa.

Ein Beispiel“, sagte Dhu ‘l-Nun, „wäre, wenn ich diesem Sofa befehlen würde, um das Haus herumzulaufen und es diesem Befehl nachkäme.“

Dhu ‘l-Nun hatte noch nicht ausgesprochen als das Sofa sich in Bewegung setzte und das Haus zu umrunden begann und sich anschließend wieder auf seinen Platz zurück begab. Ein anwesender junger Mann brach in Tränen aus als er dies sah und gab darauf seinen Geist auf. Sie wuschen seinen Leichnam auf genau diesem Sofa und begruben ihn.

Eines Tages kam ein Mann zu Dhu ‘l-Nun und sagt, „Ich bin verschuldet und nicht in der Lage meine Schulden zu bezahlen.“ Dhu ‘l-Nun hob einen Stein vom Boden auf und gab ihn dem Mann. Dieser trug ihn zum Basar und verkaufte ihn um 400 Dirhams, denn er war zu einem Smaragd gewor­den und bezahlte seine Schulden.

Ein bestimmter junger Mann hetzte immerfort gegen die Sufis.

Eines Tages nahm Dhu ‘l-Nun seinen Ring vom Finger und überreichte ihn diesem Jungen.

Bringe ihn auf den Markt und biete ihn um einen Dinar an“, sagte er zu ihm.

Der Junge trug den Ring zum Markt, doch keiner wollte mehr als einen Dirham dafür bezahlen. Mit dieser Nachricht kehrte der junge Mann zurück.

Nun bringe ihn zu den Juwelieren und siehe auf welchen Wert sie ihn schätzen“, trug Dhu ‘l-Nun ihm auf.

Die Juweliere taxierten den Ring auf etwa eintausend Dinar.

Du weißt über die Sufis in etwa so gut Bescheid“, sagte Dhu ‘l-Nun, „wie diese Stallbur­schen auf dem Markt über diesen Ring Be­scheid wissen.“

Der Junge bereute und legte sein Misstrauen gegenüber den Sufis ab.

Dhu ‘l-Nun hatte seit zehn Jahren Verlangen nach Sekbaj und doch diesem Begehren niemals nachgegeben. Nun war der Abend des Feiertages gekommen und seine Seele flüsterte ihm zu, „Na, wie wäre es, wenn du uns Morgen einen mundvoll Sekbaj als Feiertagsgeschenk vergönnen würdest?“

Seele“, antwortete Dhu ‘l-Nun, „wenn du von mir verlangst, dir diesen Wunsch zu erfüllen, dann sei mit mir heute Nacht einverstanden in zwei Rakats den ganzen Qur’an zu rezitieren.“

Seine Seele war einverstanden. Am nächsten Tag bereitete Dhu ‘l-Nun Sekbaj vor und stellte es seiner Seele vor die Nase. Er wusch seine Finger und begab sich ins Gebet.

Was geschah dann?“ wurde er gefragt.

In diesem Moment sagte meine Seele zu mir „Wenigstens nach zehn Jahren habe ich das Ziel meines Begehrens erreicht.“ „Bei Gott“, antwortete ich, „du wirst dieses Ziel nicht erreichen.“

Der Erzähler dieser Geschichte berichtete, dass einen Moment, nachdem Dhu ‘l-Nun dies gesagt hatte, ein Mann das Zimmer betrat und einen Topf Sekbaj vor ihn stellte.

Meister“, sprach er, „ich komme nicht aus eigenem, sondern wurde gesandt. Lass es mich erklären. Ich verdiene meinen Lebensunterhalt als Lastenträger und habe Kinder. Seit einiger Zeit schon bitten sie mich  um Sekbaj zum Feiertag. Ich hatte also dafür gespart und letzte Nacht Sekbaj zum Feiertag zubereitet. Heute begegnete mir im Traum die weltentrückende Schönheit des Gesandten Gottes der zu mir sprach. „Bring dies dem Dhu ‘l-Nun und richte ihm aus, dass Muhammad, der Sohn des Abd Allah, der Sohn des Abd al-Muttalib ihn bittet, einen Moment Waffenstillstand mit seiner Seele schließen und einige Mund­voll davon zu nehmen.“

Ich gehorche“, sagte Dhu ‘l-Nun unter Tränen.

Als Dhu ‘l-Nun auf seinem Sterbebett lag fragten ihn seine Freunde, „Was wünscht du?“

Mein Wunsch ist“, antwortete er, „dass bevor ich sterbe, und sei es nur für einen kleinen Moment, ich Ihn erkennen könnte.“

Und dann sprach er folgende Verse.

Die Furcht hat mich verbraucht

Mein Sehnen hat mich aufgelöst

Die Liebe mich betört

Gott mich ins Leben hat zurückgebracht

Einen Tag später verlor er das Bewusstsein. Und an dem Tag, an welchem er diese Welt verließ, sahen siebzig Menschen den Propheten im Traum und alle berichteten, dass der Prophet gesagt hatte, „Der Freund Gottes kommt ich komme um ihn zu begrüßen.“

Als er starb erschienen in grüner Schrift folgende Worte auf seinen Augenbrauen, „Dies ist der Freund Gottes. Er starb in Liebe für Gott. Er ist das Opfer durch das Schwert Gottes.“

Als sie seinen Sarg zu Grabe trugen, war es sehr heiß. Die Vögel aus der Luft kamen angeflogen und fächelten mit ihren Flügeln kühlen Wind seinem Leichnam zu, bis er von seinem Haus zum Friedhof getragen worden war.

Als er nun auf seinem letzten Weg unterwegs war, rief ein Muezzin zum Gebet und als dieser zum Einheitsbekenntnis kam, hob Dhu ‘l-Nun seinen Finger aus dem Leichentuch.

Er lebt!“ erschallte der Ruf und sie stellten den Leichnam nieder. Der Finger blieb erhoben, doch er war tot und wie sehr sie sich auch bemühten, sie konnten den Finger nicht zurück biegen. Als die Leute aus Ägypten davon Kunde erhielten, schämten sie sich für alles was sie ihm Übles angetan hatten. Sie verrichteten noch Dinge über seinem Staub, über die man gar nicht sprechen kann.

 

Geschichten aus dem

Tadhkirat al-Auliya’

(Erinnerung an die Heiligen)

von Farid ud-Din ATTAR

Übersetzt von M.M. Hanel
 
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