Sufizentrum Braunschweig
  Rilke und der Islam
 

 



Rilke und der Islam - In neuer Deutung 


Rainer Maria Rilke

Der bei Köln lebende Architekt, Maler, Musiker und Schriftsteller Ahmed Kreusch hat sich bereits Ende der Siebzigerjahre einem Sufimeister angeschlossen und sich seitdem ein umfassendes Wissen über die islamische Mystik und Kultur angeeignet. Doch er hat seine Bindung zur deutschen Literatur und Kunst nicht verloren und sucht seit über zwanzig Jahren nach westöstlichen, christlich-muselmanischen und deutsch-arabischen Verbindungen und Anknüpfungspunkten.

So begann Kreusch als Muslim 1980 Rainer Maria Rilkes Dichtung neu zu lesen und entdeckte in ihr eine überraschende mystisch-islamische Prägung. Aus diesen Studien entstand die Idee, zentrale Teile von Rilkes „Stundenbuch“ – vor allem das letzte Drittel des Buches „Von der Pilgerschaft“ (1901) und das erste Drittel des Buches „Von der Armut und vom Tode“ (1901) zusammen mit dem etwas späteren Gedicht „Muhammeds Berufung“ (1907) szenisch zu realisieren. Die Premiere des Rilke-Projekts von Ahmed Kreusch „Eine Stunde aus dem Stundenbuch des R.M.R.“ fand im Juni 2004 im Kölner Arkadas-Theater statt. Seit dem ist der Regisseur/Schauspieler mit seinem Ein-Mann-Theater in ganz Deutschland unterwegs.


Mit seinem Rilke-Stück provoziert und begeistert er zugleich zwei Zielgruppen: zum einen die muslimischen Gläubigen deutscher Sprache, die überrascht und erst zurückhaltend, dann aber um so tiefer berührt, wahrnehmen, dass der Meister der deutschen Innerlichkeit ihnen im Herzen erstaunlich nahe zu stehen scheint, und zum anderen die verschworene Rilke-Gemeinde zwischen Worpswede und der Hochschweiz, die ihren Magier gern für die eigenen kultischen Zwecke reservieren und fremden Deutungsversuchen mit Misstrauen begegnen.


Der Ich-Erzähler des „Stundenbuches“, ein Mönch in seiner Zelle, in dessen Figur Kreusch während seines Vortrages schlüpft, reflektiert und meditiert über Gott und die Welt, über Kunst und moderne Technik, aber vor allem über das Wirken des Göttlichen in der Schöpfung. Er lässt den Zuschauer in seinen Betrachtungen an einem mitunter ins Groteske und Ironische übergehenden Wechselbad von Empfindungen, Ängsten und Sehnsüchten teilnehmen. Er durchläuft dabei eine dramatische Entwicklung und entschließt sich am Ende, seine spirituelle Botschaft der Welt zu verkünden. Kreusch deutet den Reifeprozess, den Rilkes Mönch durch allerhand Verwandlungen und Visionen, durch kühne Höhenflüge und jähe Abstürze durchleidet, als mystischen Erkenntnisweg und legt damit eine Interpretationsmöglichkeit frei, die bisher in der Rilke-Rezeption nie beachtet worden ist. Bezüge zu persischen und türkischen Mystikern treten hervor und bezeugen die intensive Auseinandersetzung Rilkes mit der gesamten Kultur des Orients, die für ihn nicht nur den Islam, sondern auch die russische Orthodoxie und die Weisheiten Buddhas umfasste.

Kreuschs islamisch-mystische Auslegung des „Stundenbuches“ kommt bei all denen, die Ohren haben zu hören, auf Anhieb an. Bei manch einem mögen vor lauter Ergriffenheit sogar die Ohren klingeln, um in der Rilke-Diktion zu bleiben. Dem Skeptiker sei bescheinigt, dass Kreuschs Interpretation auch literaturhistorisch und textkritisch gut gesichert ist. Rilke hat nicht nur einige arabische Länder Nordafrikas bereist und auch Zeugnisse islamischer Hochkultur im spanischen Andalusien kennen gelernt, sondern sich auch früher schon mit der Gestalt des Propheten, mit den Riten der Pilgerfahrt und mit den Ideen des Sufismus beschäftigt. Davon legen viele Stellen im „Stundenbuch“, aber auch zahlreiche Briefe des Autors beredte und manchmal anrührende Zeugbisse ab. Sie haben bisher wenig Beachtung gefunden, weil das lyrische Frühwerk nie im Ganzen, sondern nur stück- und zitatweise, in Gestalt einzelner aus dem Zusammenhang gerissener Gedichte, gelesen wurde. Ahmed Kreusch lässt dagegen Rilkes Reise in den Weltinnenraum der Mystik zu einem Erlebnis für alle lyrisch und spirituell empfänglichen Gemüter werden.

Der Autor Dr. phil. Peter Schütt lebt heute als Schriftsteller in Hamburg
 
  Gesamt: 624229 Besucher