Sufizentrum Braunschweig
  Saad ad-Din al- Jibawi
 


Sheikh Saa'd ad-Din al-Jibawi


Grab von Sheikh Saa'd ad-Din al-Jibawi in Jiba (Syrien)


Der in der Augenblicksverfassung (waqt) auf den Allmächtigen Bezogene
ist der Pol (qutb) seiner Zeit, dessen offenbares Geheimnis(sirr) schärfer als ein Schwert ist.
Der Besitzer von Gnadenwundern, der einer Sonne gleicht, wenn sie
ohne Wolken erscheint und keine Dunkelheit in ihr ist.
Der Beschützer des Golan (Gaulan), die Wacht fü dessen Bewohner –
im Leben und im Tod!
Oh Edle!
Fürwahr, sein Schutz wirkt durch das in einem Grab liegende, deutliche
Geheimnis von Jiba, vom syrischen Lande (Sham as-sharif) her.


Zain ad-D¯ın ‘Umar as-Sa‘d¯ı,

Tariqat-us-Saadiya
 

Der Orden der Saadiya oder wie er auch genannt wird,der Gibawiya,führt sich zurück auf As-Sayed Sheikh Saad ad-Din al-Jibawi als Stifter. Der Ordensname Saadiya leitet sich dabei vom Namen Saad-Din her. Der alternativ verwendete Ordensname Jibawiya geht auf den syrischen Ort Jiba zur ück, in dem sich der Ordensstifter der Tradition des Ordens zufolge niedergelassen und seine Anhänger um sich geschart haben soll.Giba liegt etwa 50 km südwestlich von Damaskus,ca.10 km nordöstlich von al-Qunaitara,südlich der Fernverkehrsstrasse,die al-Qunaitara mit der Hauptstadt verbindet.
Der Tradition des Ordens zufolge befindet sich seine Grabst¨atte jedoch im Hauran, in einem kleinen Ort namens Jiba.



Moschee Sheikh Saa'd ad-Din al-Jibawi

Um 900/15001 verlegten die Nachfahren Sa‘d ad-D¯ıns das Zentrum des Ordens nach Damaskus. Für diese Zeit gibt es durchaus eine Reihe arabischer Quellen, insbesondere Damaszener Biographiensammlungen,die über die prominentesten Vertreter der Sa‘dıya berichten. In den Darstellungen wird deutlich, dass es den Führern der Sa‘d¯ıya gelang, sich und ihren Orden während der letzten Jahrzehnte unter mamlukischer Herrschaft und darüber hinaus auch unter der 922/1516 beginnenden osmanischen Herrschaft erfolgreich in die Damaszener Wirtschafts-, Religions- und Bildungselite zu integrieren. Der Orden wurde im Laufe der Zeit einflussreich genug, um Dependencen nicht nur in Städten der syrischen Provinz, darunter Aleppo, Homs, Jerusalem und Baalbek, sondern auch in Ägypten, der heutigen Türkei und im Balkan zu etablieren.Die Lebensdaten Saad-Dins bleiben unklar. Berichte von zeitgenössischen Autoren zu Saad-Din  ,seinem  Vater Yunus as-Shaibani oder den ersten Generationen der Nachkommen Saad-Dins liegen nicht vor. Die späteren Quellen ordnen den Ordensstifter historisch ganz unterschiedlich ein. Während die Vertreter der Saadiya selbst für Saad-Din als Geburtsjahr 460/1067-68 und als Todesjahr 575/1179-80 benennen,wobei betont wird,dass der Ordensstifter 115 Mondjahre gelebt habe, geben andere Autoren deutlich spätere Lebensdaten. Al-Baitar erwähnt als Todesjahr 621/1224-25, al-Hariri gibt das Jahr 700/1300-01, an-Nabhani zufolge starb Saad-Din schließlich erst im 8./14.Jahrhundert. Insgesamt sind die zu Saad-Din vorliegenden Informationen eher legendären als historischen Charakters.



Eingang zur Moschee Sheikh Saa'd ad-Din al-Jibawi


Zu Glaube, Lehre und Praxis der Sa‘d¯ıya

Zu Glaube, Lehre und Praxis der Saadiya enthalten die historisch-biographischen Quellen nur wenige Informationen. So erfährt der Leser, dass die Meister derSa‘d¯ıya der schafiitischen Rechtsschule angehörten.  Zudem wurde anhand der Biographien der Sa‘dı-Meister deutlich, dass das Amt des Ordensmeisters wie in zahlreichen anderen Orden patrilinear, also vom Vater auf den Sohn beziehungsweiseim Ausnahmefall auf den Bruder, Neffen oder Cousin weitergegeben wurde. Darüber hinaus haben wir gesehen, dass der Orden schon im 10./16. Jahrhundert regelmäßig Übungen zum Gottesgedenken (dhikr) und Musikhören (sama) abhielt, und zwar nicht nur im Ordenszentrum, sondern freitags auch in der Umaiyadenmoschee. Zu den Sufizirkeln selbst haben wir jedoch lediglich erfahren, dass zur Zeit Meister Ah.mads (gest. 963/1556) nichts am Ablauf der Sitzungen auszusetzen gewesen sei und bartlose Jünglinge keinen Zutritt gehabt hätten. Konkretere Informationen zu einem Ausschnitt aus der Ordenspraxis der Sa‘d¯ıyabietet indessen al-Burini. Denn der Biograph gibt eine interessante Beschreibung des Rituals zur Aufnahme neuer Ordensmitglieder:

Zu ihrem Weg (tariqa) gehört, dass, wenn einer sich reuig Allah zuwenden will, er bei ihrem Meister – und zwar direkt vor ihm – erscheint. Er (der Meister) lässt ihn vor sich sitzen, schneidet ihm eineLocke vom Kopfhaar ab und sagt zu ihm: “Ich erlege dir die Verpflichtung (‘ahd) Allahs, des Erhabenden, dar¨uber auf, dass du ein‘Armer’ (faqir)  des Meisters Sa‘d ad-Din, Allah heilige seinen Geist, bist, gemäß der Religon und der Stärke; indessen Allah, der Erhabene, den (die Verpflichtung) Verratenden ebenfalls verrät.” Und der Novize sagt: “Ja.” Dann, fürwahr, verhält sich der Novize extatisch (yatawagadu) und f¨ällt, nachdem er sich extatisch verhalten hat, wie ein Stück Holz zu Boden. Zwei Führer kommen zu ihm und sagen zu ihm: “Steh auf gemäß der Segenskräfte des Meisters Sa‘d ad-Din, Allah heilige seinen Geist!” Und er (der Novize) bittet Allah, den Erhabenen, um Verzeihung und steht auf. Und so verf¨ährt jeder Novize dieser Gruppe, wenn er (zu Boden) fällt und sich extatisch verhält. Im weitesten Sinne zur Praxis der Sa‘d¯ıya gehören auch die Heilkräfte, die die Meister den Quellen zufolge bereits im 10./16. Jahrhundert demonstrierten. Wir haben gesehen, dass Meister Hasan (gest. 910/1504 o. 914/1508) in dem Rufe stand, Menschen zu heilen, die von Jinnen besessen wurden.  Diese Fähigkeit eignete den Sa‘d¯ı-Meistern generell, wobei die Biographen Wert darauf legen, dass die Meister die Jinnenaustreibungen mit Erlaubnis Allahs (bi-idhni llahi) praktizierten. Um die Heilung zu erreichen, schrieben die Meister geheimnisvolle Zeichen auf Papier, das dann in Wasser gelöst und vom Kranken getrunken werden musste. Die erfolgreichen Heilungen galten als Gnadenwunder der Meister, nämlich als Folge und Ausdruck der Segenskraft, die Allah seinerzeit dem Ordensstifter und durch ihn den späteren Meistern des Ordens verliehen hat. Das große Ansehen, in dem die Sa‘di-Meister als Freunde Allahs (auliya’ allah) standen, zeigt sich schließlich auch darin, dass den Biographen zufolge die Menschen die Sa‘d¯ı-Meister besuchten, um von deren Segenskraft zu profitieren.

Dausa und Darb as-Silah auf dem Marktplatz in Baalbek (Libanon) 1943

Bemerkenswert ist, dass die Praxis der dausa, im Rahmen dessen der Ordensmeister zu Pferde über die sich vor ihm in langer Reihe niederlegenden Ordensmitglieder reitet, ohne auch nur einen der Männer zu verletzen. Insbesondere zeichneten sich die Sa‘di-Meister durch den Umgang mit giftigen Schlangen und Skorpionen aus. Mitglieder der Sa‘d¯ıya in Ägypten verdienten ihren Lebensunterhalt, indem sie Schlangen, die sich in Häusern eingenistet hatten, aufspürten. Einige Sa‘dıs sollen gar lebende Schlangen gegessen haben. Zur Praxis der Sa‘diya in Syrien  gehört der Dhikr begleitet von Musik und wunderbar anmutenden Ritualen. Insbesondere das so genannte darb as-silah, das Durchbohren des Körpers mit Nadeln oder Säbeln, ohne dass Verletzungen erkennbar wären.

 

 

 

1)  Der Weg der Sa‘diya, Susan Abbe 
2) Ar-risala al-muhammadıya fı r-radd ‘an as-sada as-sa‘diya, Muhammad Shams ad-Dın as-Sa‘dı al-Halabi
3) at-Tariqa as-sa'diya fi bilad as-Sham, Muhammad Ghaz i Husain  Agha. - Dimasq : D ar al-Bas a'ir, 2003

 
 
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