Sufizentrum Braunschweig
  Gotthold Ephraim Lessing
 


Lessing und die Toleranz



Kein Mensch muß müssen, und ein Derwisch müßte?
Was müßt' er denn?

                                                                  (Nathan der Weise)

Gotthold Ephraim Lessing ist am 22. Januar 1729 in Kamenz (Sachsen) geboren und am 15. Februar 1781 in Braunschweig gestorben. Lessing war der wichtigste deutsche Dichter der Aufklärung. Mit seinen Dramen und seinen theoretischen Schriften hat er die weitere Entwicklung der deutschen Literatur wesentlich beeinflusst.

Dass der Islam in der Toleranzdebatte des 18. Jahrhunderts überhaupt eine Rolle gespielt hat, ist vor allem Lessings Verdienst: Vor Lessing habe man, so schreibt Moses Mendelssohn an „Heiden, Juden, Mahometaner und Anhänger der natürlichen Religion [...] entweder gar nicht oder höchstens in der Absicht gedacht, um die Gründe für die Toleranz problematischer zu machen.“ Die Toleranzthematik gehört zu den meistbehandelten Aspekten des Lessingschen Werks, seine Auseinandersetzung mit dem Islam blieb allerdings weitgehend unberücksichtigt.

Um die Bedeutung von Lessings Auseinandersetzung mit dem Islam einschätzen zu können, muss man zunächst einen Blick auf das Islambild der Aufklärung werfen. Die Aufklärung begünstigte die Auseinandersetzung mit fremden Religionen und Kulturen und es entstand zum erstenmal ein echtes wissenschaftliches Interesse am Islam. Dennoch kann man nicht von einer großen Änderung in der allgemeinen Meinung sprechen. Annemarie Schimmel spricht in ihrer Einschätzung vorsichtig von einem „Wandel in der Haltung einer gewissen Gruppe von Gelehrten“. Noch kritischer beurteilt Edward Said die Entwicklung: Die säkularisierende Tendenz der Aufklärung habe die alten religiösen Muster des Mittelalters nicht einfach abgeschafft, vielmehr wurden sie „rekonstruiert, wieder angewendet; in dem säkularen Rahmen neu verteilt.“

Kontinuitäten bestehen vor allem in der Sicht auf den Islam als das Fremde. Dem Mittelalter galt der Islam als Prototyp des Fremden und des Feindes, indem er als Häresie, Heidentum oder Teufelswerk verstanden wurde. Vor dem Hintergrund des veränderten Menschenbildes der Aufklärung, das die Vernunftorientierung des Menschen in den Vordergrund rückte, machte das Bild auch des Fremden bestimmte Veränderungen durch. Tatsächlich bildete sich in der Aufklärung eine neue Kritik an den „Anderen“ heraus, „deren zentrales Thema das der vermeintlich mangelnden Vernunft ist“ (Hentges). Diese Sicht auf den Islam begegnet uns auch, wenn wir die Quellen betrachten, aus denen sich Lessing über den Islam informiert hat.
Lessing hat so gut wie alles gelesen, was damals an Literatur über den Islam greifbar war. Er konnte natürlich kein Arabisch oder Türkisch, deswegen handelte es sich vor allem um orientalistische Literatur. Dabei ist er sehr unterschiedlichen Einstellungen begegnet. Er kannte z.B. die Koranübersetzung (1734) von George Sale, einem englischen Anwalt - die erste einigermaßen verlässliche Übersetzung in eine moderne Sprache. Dieser Übersetzung ist ein langes Vorwort vorangestellt (Preliminary Discourse), in dem sich Sale zur Darstellung des Islam auch auf muslimische Quellen stützt. Gelehrte wie Sale waren darum bemüht, viele Vorurteile gegen den Islam zu widerlegen und sich sachlich mit ihm auseinander zu setzen.


Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel

Lessing hat noch viel mehr gelesen, was hier nicht alles aufgeführt werden kann (u.a. Werke von Pocock, Reland, d’Herbelot, Ockley, Gagnier, Reiske – also die bekannten Namen der damaligen Orientalistik). Ich möchte aber noch auf ein Werk eingehen, das zur Zeit Lessings weit verbreitet und ihm auch bekannt war. Das Buch wurde bereits 1697 von Humphrey Pridaux, einem englischen Geistlichen, geschrieben und trägt den Titel: The true nature of imposture fully displayed in the Life of Mahomet. Zu deutsch: „Die wahre Natur des Betruges, vollständig dargestellt (am Beispiel) des Lebens von Muhammad“. Der Islam wird im gesamten Werk schlichtweg als „der Betrug“ (the Imposture) bezeichnet und als eine Strafe Gottes für die Christen angesehen. Muhammad ist natürlich kein Prophet, sondern ein gewissenloser Machtmensch und Lüstling gewesen; die angeblichen Offenbarungen in Wahrheit epileptische Anfälle; der Islam eine Häresie usw. Im Grunde also nichts anderes, als die seit dem Mittelalter kanonisierten Vorwürfe.


 
Herzog August Bibliothek


Dieses Werk wurde nun auch von Aufklärern zur Information über das Leben des Propheten herangezogen: Der Philosoph Pierre Bayle empfiehlt es z.B. in einem Artikel über den Propheten Muhammad in seinem einflussreichen Historischen und kritischen Wörterbuch (Dictionnaire Critique). In seinem Artikel „Mahomet“ übernimmt er die Wertungen Prideauxs unhinterfragt und verweist zu weiteren Information über den Propheten auf dessen Buch. Der Artikel zeigt somit, dass es um die Aufklärung über den Islam in der Aufklärung nicht so gut bestellt war, wie man vielleicht erwartet hätte.

Es gab aber auch einige Autoren, die den Islam als eine besonders vernünftige Religion ansahen. Eine direkte Antwort auf Prideaux, Mahomet No Impostor, or a Defence of Mahomet, wurde anonym veröffentlicht und als Brief eines muslimischen Autors getarnt. Henry Boulainvilliers (1658-1722) La vie de Mahomet erschien erst 1730 posthum und wurde 1768 ins Deutsche übersetzt. Das Werk wurde scharf angegriffen, da Muhammad als ein göttliches Werkzeug gezeigt wird, mit dem die Erkenntnis der Einheit Gottes ausgebreitet werden sollte, und der Islam als eine Religion, deren Lehren mit der Vernunft in Einklang stehen. Ein weiteres interessantes Beispiel ist Henry Stubbe (gest. 1676), ein englischer Arzt, dessen Schrift An Account of the rise and progress of Mahometanism erst 1911 erschien. Auch er beschreibt die Lehren des Islam als besonders vernünftig und übereinstimmend mit dem Naturrecht. Der Umstand, dass alle diese Schriften entweder posthum oder anonym erschienen, macht bereits deutlich, dass diese positive Sicht des Islam nicht gesellschaftsfähig war – was vor allem auf ihre christentumskritische Tendenz zurückzuführen ist. Es gibt auch keine Hinweise darauf, dass Lessing diese Schriften kannte. Viel vertrauter war er mit einer anderen Sicht, in der Islam als Ausdruck des Fanatismus verstanden wurde.


Als 21-jähriger erhält Lessing den Auftrag, einige Schriften von Voltaire ins Deutsche zu übersetzen (Kleinere Historische Schriften 1752). Darin enthalten ist der kurze Text Von dem Korane und Mahomed, der deutlich zeigt, dass Voltaire im Islam keineswegs eine vernünftige oder natürliche Religion sieht. Muhammad sei ein “erhabener und verwegener Marktschreyer“ der Koran ein „Mischmasch, ohne Verbindung, ohne Ordnung, und ohne Kunst“ und die Araber ein räuberisches Volk. Mit Vernunft hat der Islam für Voltaire nichts zu tun, stattdessen viel mit „Raserey“ und „Enthusiasterey“. Was er von Muhammad und dem Koran hält, macht er in einem Brief an Friedrich den Großen deutlich:

„[...] daß er [Muhammad] sich damit brüstet, in den Himmel entrückt worden zu sein und dort einen Teil jenes unverdaulichen Buches empfangen zu haben, das bei jeder Seite den gesunden Menschenverstand erbeben läßt, daß er, um diesem Werke Respekt zu verschaffen, sein Vaterland mit Feuer und Eisen überzieht, (...) das ist nun mit Sicherheit etwas, was kein Mensch entschuldigen kann, es sei denn, er ist als Türke auf die Welt gekommen, es sei denn, der Aberglaube hat ihm jedes natürliche Licht erstickt.“

Der Islam wird so zum Paradigma des Fanatismus, der für Voltaire allen Religionen innewohnt und mit zentralen Kampfvokabeln der Aufklärung assoziiert: „Aberglaube“, „Schwärmerei“ und „Fanatismus“. „Schwärmerei“ bezeichnet einen Zustand des religiösen Wahns, kann aber auch generell eine krankhaft gesteigerte Einbildungskraft meinen. Voltaire zielte mit dem Begriff „Fanatismus“, der für ihn gleichbedeutend ist mit „Aberglauben“, vor allem auf den unaufgeklärten Obskurantismus der katholischen Kirche. Leibniz galt die Berufung auf die unmittelbare Evidenz des Gefühls ohne Vermittlung der Vernunft als „fanatisch“ – Fanatismus stellt also einen Mangel an Vernunft dar. Durch die Anwendung dieser Begriffe auf den Islam wird dieser als eine Art von Anti-Aufklärung charakterisiert.

Es stellt sich die Frage, wie es zu so unterschiedlichen Wertungen des Islam kommen kann – Religion der Vernunft einerseits, Aberglaube und Fanatismus andererseits. Die Ausbildung zweier einander entgegenstehender Sichtweisen des Islam hängt möglicherweise mit zwei Tendenzen der Aufklärung zusammen, die sich ebenfalls zu widersprechen scheinen. Auf der einen Seite gab es die Bereitschaft, Elemente der Verwandtschaft im „Anderen“ zu entdecken, eine Tendenz des 18. Jahrhunderts, die Said als „sympathetische Identifikation“ bezeichnet hat. Dazu gehörte auch die Tendenz, die Vernunftbegabung als eine Eigenschaft aller Menschen anzusehen. Diese Bereitschaft hatte eine Öffnung gegenüber anderen Religionen und Kulturen zur Folge.

Andererseits zeigt sich die Tendenz, Menschen und Völker zu klassifizieren und ihnen spezifische Eigenschaften zuzuweisen – also eine essentialistische Sichtweise. Immanuel Kant (1724-1804) führt etwa die Unterschiede zwischen den Völkern auf verschiedene Ursachen wie Klima, Luftverhältnisse und Ernährung zurück (ähnlich Herder). Die äußerlichen Merkmale verweisen aber auch auf psychische Dispositionen und charakterliche Eigenschaften, und damit wird eine Hierarchisierung verbunden: Die „Race der Weißen“ steht an der höchsten Stelle, weit vor den „gelben Indianer[n]“ und noch viel weiter vor den „Neger[n]“. Diese Hierarchisierung kommt auch in der Darstellung der Muslime zum Tragen, wobei hier zu der anderen „Race“ noch – wie bei den Juden – der andere Glaube hinzukommt. Muslime finden sich vor allem im Orient, in heißen Ländern also, deren Klima nicht ohne Auswirkung auf ihren (National-)Charakter bleibt: Was die Araber betrifft, bescheinigt man ihnen passend zum Wüstenklima eine „erhitzte Einbildungskraft“, eine Eigenschaft, die natürlich auch auf ihre Religion abfärbt, die als Aberglaube und Fanatismus abqualifiziert wird. So sieht Kant im „Nationalcharakter“ der Araber eine Affinität zum „Wunderbaren“ (mit Araber sind unausgesprochen ausschließlich Muslime gemeint, christliche und jüdische Araber werden ausgeblendet), und auch ihm dient der Islam als ein Beispiel für Fanatismus: Im Falle des Islam werde deutlich, wohin der Fanatismus führen könne: „Die menschliche Natur kennt kein gefährlicheres Blendwerk [als den Fanatismus/die Schwärmerei]. Wenn der Ausbruch davon neu ist [...] erduldet bisweilen sogar der Staat Verzuckungen. Die Schwärmerei führet den Begeisterten auf das Äußerste, den Mahomet auf den Fürstenthron, und den Johann von Leyden aufs Blutgerüste.“

Das Bild des Islam als Schwärmerei und Fanatismus spielt natürlich eine wichtige Rolle, sich der eigenen Rationalität und geistigen Entwicklung zu versichern, indem Aberglaube und Irrationalität den „Anderen“ zugeschrieben wird.
Die Sicht auf den Islam als Fanatismus war Lessing durch Voltaire gut bekannt. Er selbst hat sich jedoch ganz anders geäußert. Als erstes finden wir einige Äußerungen über die Muslime in einer Zeitung, wo er seine eigene Übersetzung von Marignys Geschichte der Araber zur Zeit der Kalifen (1752/53) ankündigt: Er verweist auf die herausragenden historischen und kulturellen Leistungen der arabischen Muslime:

„Seit dem Verfalle des römischen Reiches, verdient wohl die Geschichte keines einzigen Volkes mit mehrerm Recht bekannt zu sein, als die Geschichte der arabischen Muselmänner; sowohl in Betrachtung der großen Leute welche unter ihnen aufgestanden sind, (...), als in Ansehung der Künste und Wissenschaften, welche ganze Jahrhunderte hindurch den schönsten Fortgang unter einem Volke genossen, welches uns unsre Vorurteile gemeiniglich als ein barbarisches Volk betrachten lassen.“
Lessing hebt weiterhin hervor, dass die islamische Geschichte genauso wichtig und lehrreich sei wie die griechische oder römische Geschichte. Interessanterweise spricht er im Zusammenhang mit den Muslimen und ihren Leistungen in den Wissenschaften von „Aufklärung“: „Der Anfang einer so wichtigen Epoche für den menschlichen Verstand, der sich plötzlich unter ungesitteten kriegerischen Völkern aufzuklären anfing, so daß sie in kurzem ebenso viele Gelehrte als Helden aufzuweisen hatte, wird nicht anders als mit vielem Vergnügen gelesen werden können.“

Hier wird bereits deutlich, dass Lessing bei seinem Lesepublikum eine Menge Vorurteile vorausgesetzt hat, gegen die er anschreiben wollte. Ihm war bewusst, dass die Muslime als „Barbaren“ angesehen wurde, und wollte durch die Information über ihre Geschichte zeigen, dass dieses Vorurteil nicht berechtigt ist.



Lessinghaus in Wolfenbüttel

1754 äußert sich Lessing zum erstenmal in einer eigenen Schrift zum Islam, der Rettung des Hieronymus Cardanus. Cardanus, ein Universalgelehrter der Renaissance, hatte 1550 ein Buch veröffentlicht, in dem er einen Götzendiener, einen Juden, einen Christen und einen Muslim über die wahre Religion streiten lässt. Am Ende siegt natürlich der Christ - und das gefällt Lessing überhaupt nicht. Er wirft Cardanus vor, er sei mit den anderen Religionen nicht aufrichtig verfahren, und zwar insbesondere nicht mit dem Islam. Cardanus hätte sich erst einmal richtig mit dem Islam auseinandersetzen müssen, bevor er diesen Religionsvergleich anstellt. Und dann stellt Lessing seinen eigenen Religionsvergleich an und lässt einen Muslim auftreten, der den Islam folgendermaßen darstellt:

„Wirf einen Blick auf sein [Muhammads] Gesetz! Was findest Du darinne, das nicht mit der allerstrengsten Vernunft übereinkomme? Wir glauben an einen einzigen Gott: wir glauben eine zukünftige Strafe und Belohnung, deren eine uns, nach Maßgebung unserer Taten gewiß treffen wird. Dieses glauben wir, oder vielmehr, [...] davon sind wir überzeugt, und sonst von nichts.“

Über das Christentum sagt der Lessing'sche Muslim: „Das, was [...] der Christ seine Religion nennet, ist ein Wirrwarr von Sätzen, die eine gesunde Vernunft nie für die ihrigen erkennen wird.“ Lessing dreht den Spieß damit um: Der Islam ist auf einmal die vernünftige Religion und das Christentum eine Lehre, die vom Menschen verlangt, unvernünftige Dinge zu glauben. Nachdem der Muslim mit seiner Rede fertig ist, kommt der Christ gar nicht mehr zu Wort, und die Frage nach der wahren Religion ist auf einmal völlig offen. Und das ist genau das, was Lessing erreichen wollte. Er stellt den Islam als eine besonders vernünftige Religion dar, um die christliche Wahrheitsgewissheit zu erschüttern.

Zu beobachten ist dabei Folgendes: In Lessings Darstellung des Islam erfolgt eine inhaltliche Angleichung an die „natürliche Religion“ des Deismus. Mit dem Konstrukt der natürlichen Religion wurde versucht, die christliche Lehre an das Denkmodell des Rationalismus anzupassen, womit eine Lösung vom Offenbarungsgedanken verbunden war. Die Deisten glaubten an Gott, aber nicht an eine spezielle Offenbarung, sondern entwickelten „natürliche“ Religion. Diese komme ohne Offenbarung aus, da der Mensch allein aufgrund seiner Vernunft in der Lage sei, Gott zu erkennen und moralisch gut zu handeln. Die Erkenntnis Gottes und das moralisch gute Handeln sind die beiden zentralen Punkte der natürlichen Religion, und diese sind es auch, die Lessings Muslim nennt, um den Islam zu beschreiben: „Wir glauben an einen einzigen Gott: wir glauben eine zukünftige Strafe und Belohnung, deren eine uns, nach Maßgebung unserer Taten gewiß treffen wird.“

Mit seiner Darstellung des Islams als einer natürlichen Religion verfolgt Lessing eine doppelte Zielsetzun: Er will zum Einen Zweifel an der Wahrheitsgewissheit des Christentums wecken und zum Nachdenken anregen. Die Folgen der Lehren des Deismus waren Bibel- und Kirchenkritik und diesen kritischen Impetus nimmt Lessing auf, wenn er den Islam als eine natürliche Religion präsentiert, die auf Vernunftlehren statt auf Offenbarungen beruht. Zum Anderen greift er die allgemeine, seit Jahrhunderten verbreitete negative Bewertung des Islam an. Das Verfahren, das er anwendet, kann man als „strategische Aufwertung“ (Kuschel) bezeichnen: Durch eine bewusste und kalkulierte Auswahl werden positiv bewertete Aspekte in den Vordergrund gerückt, um ein gerechteres Urteil zu ermöglichen. Der Aspekt der Gerechtigkeit ist auch ein wesentlicher Bestandteil von Lessings Toleranzbegriff.

In der Aufklärung erfolgte der Durchbruch von einer rein pragmatischen zu einer inhaltlichen Begründung der Toleranz. Man muss allerdings berücksichtigen, dass sich dieser Durchbruch au einen eher kleinen Kreis von Philosophen und Gelehrten beschränkte. Was man im Allgemeinen unter „Toleranz“ verstand, macht der Eintrag in Zedlers Universal-Lexicon von 1745 deutlich: Toleranz sei „[...] nichts anders, als daß man äusserlich im gemeinen Leben friedlich mit einander umzugehen sucht, einander die Pflichten des Rechts der Natur nicht versaget, und auf den Cantzeln und in denen Schrifften die vorgegebene irrige Meynung mit aller Sanffmuth widerleget, und also einander mit Vernunfft und Bescheidenheit eines bessern zu belehren bemühet ist. [...]“

Toleranz dient hier letztlich dem Zweck der Mission. Dass dieses Toleranzverständnis von dem Lessings weit entfernt ist, liegt auf der Hand. Lessing geht es nicht um das einfache „Dulden“, d.h. um rein taktisches Verhalten, sondern um eine erkenntnistheoretische Grundlage der Toleranzforderung. Entscheidend für Lessing ist die Überzeugung, dass die absolute Wahrheit für den Menschen nicht fassbar ist. Nur eine Annäherung an die Wahrheit ist möglich. Die Toleranzforderung wird so erkenntnistheoretisch begründet durch die Differenz zwischen dem endlichem Wissen der Menschen und der unerreichbaren absoluten Wahrheit.

Da an die absolute Wahrheit nur eine Annäherung möglich ist, kommt es für Lessing darauf an, dass der Mensch sich fortwährend um eine tiefergehende Erkenntnis bemüht. Wer sich bereits im Besitz der Wahrheit wähnt, bringt sich selbst um die Möglichkeit einer weiteren Annäherung. Dieser Aspekt von Lessings Wahrheitsverständnis kommt in der berühmten, vielzitierten Stelle aus der Duplik (1778) zum Ausdruck:

„Nicht die Wahrheit, in deren Besitz irgend ein Mensch ist, oder zu sein vermeinet, sondern die aufrichtige Mühe, die er angewandt hat, hinter die Wahrheit zu kommen, macht den Wert des Menschen. (...) Wenn Gott in seiner Rechten alle Wahrheit, und in seiner Linken den einzigen immer regen Trieb nach Wahrheit, obschon mit dem Zusatze, mich immer und ewig zu irren, verschlossen hielte, und spräche zu mir: wähle! Ich fiele ihm mit Demut in seine Linke, und sagte: Vater gieb! die reine Wahrheit ist ja doch nur für dich allein!“
Für Lessing befindet sich der Andersgläubige nicht notwendig im Irrtum, er ist zu tolerieren wegen des Wahrheitspotentials oder der Wahrheitstendenz, die ihm zukommt. Die abweichende Meinung wird deshalb von Lessing nicht einfach nur geduldet, sondern die ernsthafte Auseinandersetzung mit ihr wird als notwendig für die eigenen Bemühungen um Erkenntnis angesehen. Eine solche Haltung ist ohne den Respekt und die Anerkennung des Anderen nicht denkbar. Lessing zeigt hierin Übereinstimmungen mit Goethe und dessen bekannter Maxime: „Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein: sie muß zur Anerkennung führen, Dulden heißt beleidigen.“

(Goethe versteht hier Toleranz nach dem wörtlichen Sinn: „tolerare“ ist eigentlich ein negativer Begriff, der das „Dulden“ oder „Über-sich-ergehen-lassen“ bezeichnet. Wenn im Folgenden vom Toleranzverständnis Lessings die Rede ist, ist natürlich etwas anderes gemeint: eine Haltung der Anerkennung und des Respekts.)

Der Islam spielt für Lessings Einsatz für Toleranz eine wichtige Rolle. Dies wurde schon deutlich in den Ankündigungen der Geschichte der Araber, wo er gegen das Vorurteil angeht, die Muslime seien Barbaren, und in der Rettung der Hier. Cardanus, wo er gegen die verbreitete Meinung, der Islam sei irrational, die Vernunftgemäßheit des Islam hervorhebt. Ein weiteres wichtiges Beispiel ist eine Schrift, mit der er die Veröffentlichung der Fragmente eines Ungenannten, der bibel- und offenbarungskritischen Fragmente des Hermann Samuel Reimarus einleitet. Sie heißt  Von Adam Neusern. Einige authentische Nachrichten (1774) und er setzt sich darin für die Rehabilitierung eines Unitariers ein, der im 16. Jahrhundert zum Islam konvertiert war. Adam Neuser wurde aufgrund seines Übertritts und der Flucht nach Konstantinopel als Verräter der Christenheit und als ein höchst lasterhafter und unmoralischer Mensch gebrandmarkt. Lessing hingegen macht deutlich, dass ein solcher Schritt für einen Unitarier theologisch gesehen durchaus konsequent sein kann.

Lessing hat sich auch für die islamische Philosophie interessiert und sich von ihr anregen lassen: Er las den philosophischen Roman Haiy Ibn Yaqzan von Abu Bakr Ibn Tufail aus dem 12. Jahrhundert, der unter dem Titel Philosophus Autodidactus in Europa bekannt wurde. Parallelen zu diesem Roman finden sich in einer zu seinen Lebzeiten unveröffentlichten Schrift Über die Entstehung der geoffenbarten Religion (1763). Die produktive Rezeption von islamischer Theologie und Geschichte zeigt sich schließlich auch im Nathan.



Lessingtheater in Wolfenbüttel

Wir kommen damit zu dem Drama Lessings, in dem er sich wie in keinem anderen Werk für Toleranz ausgesprochen hat: Nathan der Weise (1779).

Das Stück spielt im Jerusalem des 12. Jahrhundert, zur Zeit der Kreuzzüge und der Herrschaft des Sultan Saladin, der zugleich eine der wichtigsten Figuren des Stücks ist. Saladin wird als ein toleranter und aufgeklärter Herrscher dargestellt. Nathan ist ein jüdischer Kaufmann, der vor vielen Jahren seine gesamte Familie durch einem antisemitischen Pogrom durch Christen verloren hat. Er ist jedoch mit Gottes Hilfe in der Lage seinen Hass auf die Christen zu überwinden und adoptiert ein christliches Mädchen, Recha. Das Stück beginnt damit, dass Nathan von einer Reise zurückkehrt und erfährt, dass ein Tempelherr (ein Angehöriger eines Kreuzfahrer-Ordens) seine Adoptiv-Tochter Recha aus einem Feuer, das in seinem Haus ausgebrochen ist, gerettet hat. Der Tempelherr selbst ist kurz zuvor von Saladin begnadigt worden. Er war ein Kriegsgefangener und sollte eigentlich wie die anderen gefangenen Tempelherren hingerichtet werden, aber Saladin hat sich durch sein Gesicht an seinen Bruder Assad erinnert gefühlt, der vor vielen Jahren nach Europa gegangen war, und bereits verstorben ist. Der Tempelherr verliebt sich in Recha, und hält bei Nathan um ihre Hand an. Aber Nathan hat einen gewissen Verdacht und möchte erst wissen, wer der Tempelherr genau ist. Und tatsächlich stellt sich am Ende nach vielen Verwicklungen heraus, das Recha und der Tempelherr Geschwister sind, dass sie beide Kinder von Assad, dem Bruder Saladins, und damit Nichte und Neffe von Saladin sind. Es gibt eine große Wiedererkennungs-Szene und am Ende steht auf der Bühne eine einzige große Familie, in der die Unterschiede der Religion keine Rolle spielen. Die bekannte letzte Regieanweisung lautet: “Unter stummer Wiederholung allseitiger Umarmungen fällt der Vorhang.”

An einer zentralen Stelle des Stücks erzählt Nathan die bekannte Ringparabel: Saladin stellt ihm die Frage, welche Religion die beste sei. Nathan geht dieser Fangfrage aus dem Weg, indem er ein „Geschichtchen“ erzählt: Ein Mann besaß einen Ring, der die besondere Kraft hatte, „seinen Träger vor Gott und den Menschen angenehm zu machen.“ Dieser Ring wurde seit Generationen immer an den Sohn weitergegeben, den der Vater am liebsten hatte. Dieser Mann hat nun aber drei Söhne, die er alle gleich liebt und damit ein Problem. Er lässt deshalb zwei Imitationen anfertigen und gibt jedem seiner Söhne einen Ring. Nach dem Tod des Vaters bricht natürlich ein Streit aus, welcher Ring/welche Religion die echte ist. Dieser Streit bringt die drei Brüder vor einen Richter. Der stellt zunächst fest, dass er den echten Ring, also die wahre Religion auch nicht rausfinden kann. Und dann gibt er den drei Brüdern folgenden Rat: Jeder solle daran glauben, dass der eigene Ring der echte sei. Und sie sollen um die Wette streben, den eigenen Ring als den echten zu erweisen - und zwar durch gute Taten und gutes Verhalten. Er sagt:

Es strebe jeder um die Wette,
Die Kraft des Steins in seinem Ring' an Tag
Zu legen! komme dieser Kraft mit Sanftmut,
Mit herzlicher Verträglichkeit, mit Wohltun,
Mit innigster Ergebenheit in Gott,
Zu Hülf! Und wenn sich dann der Steine Kraft
Bei euern Kindes- Kindeskindern äußern:
So lad' ich über tausend tausend Jahre,
Sie wiederum vor diesen Stuhl. Da wird
Ein weisrer Mann auf diesem Stuhle sitzen,
Als ich; und sprechen.



Lessinghaus Innenhof Wolfenbüttel



Quelle:
Silvia Horsch, Lessing, Islam und die Toleranz
Wikipedia
 
  Gesamt: 624473 Besucher