Sufizentrum Braunschweig
  Yunus Emre
 



Yunus Emre


 
Er lebte im 13. Jahrhundert in Anatolien und schrieb 357 Gedichte, die sämtliche der Gedichtband „Diwan“ enthält. Seine Gedichte enthalten originelle Sprache, Gedanken, Gefühle und Schöpfungskraft und betreffen das tatsächliche Leben, die Liebe, den Frieden, die Lebensfreude. Der Mensch ist für ihn ein von Gott geschaffenes „Geschöpf der Liebe“, und durch die Liebe gelangt der Mensch zu Gott. Die bestehende Trennung zwischen Mensch und Gott führt dazu, dass der Mensch Zeit seines Lebens an diesen beständigen Gott, in dem sich alle Wesen spiegeln, denkt und ihn herbeisehnt. Unter „Liebe“ versteht Yunus Emre das Gefühl der Nähe zu Gott und den von ihm erschaffenen Wesen. Liebe bedeutet, dass man sich in dem Anderen und den Anderen in sich selbst findet. Liebe ist ein Prozess der Reifung, ist Weisheit. Daher kennt den Wert der Liebe nur derjenige, der liebt. Und Leben heißt für Yunus Emre Freude zu empfinden – und da Gott in jedem Wesen gesehen wird, steht man Gott in vielfältiger Weise gegenüber. In seinen Gedichten finden sich alle strittigen Fragen der sufistischen Lehre, die im Neu-Platonismus begründet liegen, und die er anhand der Methoden des Neuplatonismus interpretiert. Literaturgeschichtlich ist Yunus Emre ein Vorkämpfer der türkischen Lyrik-Sprache und der Volksdichtung, der diese weltbewegenden Fragen in einfacher und leicht verständlicher Sprache vorträgt.


 
Die gelben Blumen - (bearbeitet von Sheikh Ahmad Kreusch)               
 

Wenn in unseren Breiten im Frühjahr die Natur überall wieder in verschwenderischer Fülle frisches Grün zeigt, erleben wir gegen Ende April den ersten starken Farbakkord dazu, das  Auftauchen der gelben Blumen. Die Pflanze hat in Deutschland den martialischen Namen Löwenzahn, offensichtlich wegen ihrer gezahnten grünen Blätter. Im Volksmund heißt sie schlicht Ketten-, Hunde- oder Kuhblume.

Es geht ganz schnell, fast über Nacht  sind sie plötzlich da, an Straßenrändern, Feldern und Wiesen, auch in Mauerritzen sieht man überall leuchtend gelbe Punkte. Und dann bis Mitte Mai sind im satten Grün der Landschaften ganze Hügel, ganze Täler mit strahlendem Gelb überzogen. Doch auch in Ortschaften an unzähligen Stellen, in den rissigen Asphaltdecken von Straßen, in den Fugen zwischen Pflastersteinen, hoch oben an Brücken, im Kies von Bahngleisen, im zerbröselnden Beton  älterer Bauwerke, sogar in Regenrinnen, in denen sich ein bisschen Staub gesammelt hat, überall sieht man plötzlich ihre gelben Köpfe.  Niemand hat sie gepflanzt, ganz von selbst sind sie da, gerade dort, wo man sie nicht erwartet.

Man mag sie nicht sonderlich. Gärtner und Hausbesitzer, die ihre Ziergärten sorgfältig bewachen, reißen sie sofort aus. Auch auf öffentlichen Plätzen und Straßen in der Stadt, im englischen Rasen eines Parks, werden sie nicht geduldet. Städtische Arbeiter kommen und vernichten sie mit allerlei Maschinen, sogar mit Flammenwerfern, streuen Chemikalien auf die ausgerissenen Stellen, damit sie nicht wieder nachwachsen. Welcher Ärger, wenn auf einer sauberen Betonfläche, die Jahre lang frei war von Verunreinigungen, plötzlich in einem Riss eine gelbe Blume auftaucht. Ein mahnendes Zeichen der Vergänglichkeit, der Zahn der Zeit nagt auch an diesem Bauwerk, das für die Ewigkeit gemacht schien.

Aber sie kommen immer wieder, erst eine, am nächsten Tag schon zwei, drei, und dann immer mehr. Auch wenn sie platt getrampelt, ausgerissen werden, nach ein paar Tagen sind wieder neue da, sie wachsen aus einer einzigen langen Pfahlwurzel, die man praktisch nie ganz ausreißen kann.

Das einzige, was sie zu brauchen scheinen, ist die Sonne. Die gelben Köpfe schauen alle in die gleiche Richtung zur Sonne, folgen ihrem Lauf tagsüber von Osten nach Westen und schließen ihre gelben Blüten, wenn sie abends untergeht. Auch tagsüber, wenn Regenwolken die Sonne verdunkeln, reagieren die Blumen und ziehen den Blütenkopf  zu einer Spitze zusammen, um sich sofort wieder zu öffnen, wenn der Sonnenschein sie berührt.

Der Kopf besteht aus hunderten von winzigen gelben Blüten, alle zu einer Halbkugel gebündelt. Er ist wie ein Abbild der Sonne.

Gott, der Schöpfer und Gestalter, ist in Seiner unendlichen Kreativität auch der unvorstellbar größte Künstler. Er hat besondere Engel geschaffen, die Seine unendlich vielfältigen kreativen Ideen ausführen und zahllose Lebewesen in verschiedensten Formen gestalten, groß oder winzig klein, alle vollkommen und wunderbar, und alle perfekt im Miteinander. Denn Gott ist schön und liebt die Schönheit.

Eine Gruppe dieser Künstler-Engel hat sich die Sonne zum Vorbild für Blütenformen genommen. Sie arbeiten besonders in den nördlichen Breiten der Erde. Hier gibt es sehr viele Blumen, die Blüten mit strahlenförmigen Blütenblättern haben, vom Gänseblümchen bis zur Sonnenblume, jede für sich vollkommen. Aber die gelbe Blume Löwenzahn ist das beste Abbild der Sonne, ein absolutes Meisterwerk, das auch die Kugelform des Himmelskörpers berücksichtigt. Das wird besonders deutlich, wenn sie sich dann fast über Nacht in die weiß-durchsichtige perfekte Kugel mit den Samen verwandelt, - die Kinder nennen sie jetzt Pusteblume. Jetzt wartet sie auf den Wind, damit er ihre Flugsamen mitnimmt und sie weit weg zu anderen Orten trägt, so wie Gott es will.

Gepriesen sei der Barmherzige Schöpfer, der perfekte Designer und Künstler, der alles in verschwenderischer Kreativität geschaffen hat, damit wir Menschen uns daran erfreuen, dankbar sind und es leicht haben, Ihn an zu beten.

 

Der große türkische Volksdichter und Sufi Junus Emre, - er starb 1231 -, erkannte in den Formen und Gestalten, den Stimmen und Klängen der Schöpfung, diese ewige Lobreisung Gottes. Junus Emre bemerkte aber auch im Verhalten mancher Geschöpfe eine besondere Affinität zu uns, den Menschen, denen diese Schöpfung anvertraut ist. So sind die gelben Blumen für ihn ein Abbild der Gläubigen, die ständig Gottes gedenken und Ihn anbeten.

Man mag sie nicht, man vertreibt sie, reißt sie aus, zertritt sie, zerstört, vernichtet, tötet sie, obwohl sie niemandem etwas zu Leide tun. Aber immer  kommen sie wieder, denn sie wurzeln tief.

Sie lieben die Gemeinschaft, leben unscheinbar und friedlich, genügsam und geduldig zwischen anderen Pflanzen und Lebewesen. Kaum jemand beachtet sie, wenn sie nicht blühen. Aber dann kommt ihre Zeit, sie fangen an zu leuchten, heben ihre Gesichter und schauen auf die Sonne, ihren Propheten und Führer, niemand kann sie davon abhalten. Jetzt muss jeder sie sehen. Die Sonne gibt ihnen Licht und Lebenskraft, erweckt ihre Schönheit. So werden sie für uns zum Vorbild.

Alles, was in den Himmeln und auf der Erde ist, preist Gott, jedes Geschöpf hat seine eigene Form der Anbetung. Bei einigen wird das auch für uns erkennbar, wenn wir sie mit wachen Augen und offenen Herzen betrachten. Der Türke Junus Emre machte seine Mitmenschen darauf aufmerksam, genauso wie zur gleichen Zeit in Europa Franz von Assisi, - er starb 1226. Für beide waren alle Geschöpfe Brüder und Schwestern.

Für die kleine Schwester „gelbe Blume“ schrieb Junus Emre ein Lied, das auch heute noch fast jeder in der Türkei kennt:

 

                              Fragte ich die gelbe Blume:



Wer ist Mutter und Vater dir?

Sagte sie: oh Derwisch-Baba,

die Erde ist Mutter und Vater mir.

 

Fragte ich die gelbe Blume:

Hast du Schwestern und Brüder hier?

Sagte sie: oh Derwisch-Baba,

die Blätter sind Schwestern und Brüder mir.

 

Fragte ich die gelbe Blume

Schön ist heute dein Gesicht!

Sagte sie: oh Derwisch-Baba,

sehn’ mich nur nach Gottes Licht.

 

Fragte ich die gelbe Blume:

Warum ist dein Leib so welk?

Sagte sie: oh Derwisch-Baba,

mir ist hier der Tod bestellt.

 

Fragte ich die gelbe Blume:

Kommt der Tod denn auch zu dir?

Sagte sie: oh Derwisch-Baba,

Kein Ort ohne Sterben hier!

 

(5 von vielen Strophen des türkischen Originals in einer freien Übertragung ins Deutsche unter Zuhilfenahme einer Übersetzung von Scheich Abdullah Halis Dornbrach Effendi)



 
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