Sufizentrum Braunschweig
  39. Abdullah ad-Daghistani
 



Sultan Awliya Sheikh Abdullah ad-Daghistani

Der ehrenwerteste und edelste unter den Heiligen, die Sonne und das Fundament dieses Universums, Sheikh Abd Allah al-Faiz ad-Daghestani wurde von seinem standhaften Glauben getragen. Ihn stillte der Segen des Erzfürsprechers, dessen Erbe er selbst einmal antreten sollte. Von neuem bekräftigte er die Religion. Hell leuchtete die Erde auf als Sheikh Abd Allah al-Faiz ad-Daghestani geboren wurde. Von der reinen Essenz der Wahrheit erleuchtet, war er der Schlüssel zu den verborgensten Geheimnissen. Großes wurde ihm auf jenem Weg seiner Vorfahren zuteil. Sufismus wurde zu seinem Blut. Prophet Muhammed zu seinem Herzen. Die göttliche Gegenwart zu seiner Seele. Er war der Stern des Wissens, der Erbe des vollkommenen Charakters. Zu einem Ozean der Weisheit geworden, geleitete er die Menschen ans Land der Glückseligkeit. Sein weiser Rat und seine Rechtleitung erfüllten die Welt. Könige kamen angekrochen. Gelehrte lauschten seinem Wissen. Es existierte nichts, das nicht auch durch seine Spiritualität ganz und gar durchdrungen war. Seinem Lichte wich die Finsternis und der Segen strahlte auf dem Antlitz der Menschheit hervor. Er war der vollkommene Heilige, die Säule der Wissenden. Auf der Suche nach der Glückseligkeit in diesem und im nächsten Leben, fanden die Menschen schließlich zu seiner Türe, welche zu seinem guten Rat aus der göttlichen Gegenwart führte. Sein übernatürliches Wissen verblüffte die Gelehrten und seine hohe Form der Askese fand in keinem Buch seinesgleichen. Uneigennützig opferte er seine Seele dem Durst der Welten. Er selbst glich einer Galaxie, deren Sonnen und Sterne alle Geschöpfe erleuchteten. Die Krone der göttlichen Liebe auf seinem Haupt, gewährte er der Menschheit den süßen Nektar der göttlichen Geheimnisse. Keiner Person entsagte er seinen spirituellen Atem. Die Finsternis der Unwissenheit schwand dahin im Lichte seines Wissens. Er wurde in Daghestan im Jahre 1309 n.H. /1891 n.Chr. in eine Doktorenfamilie hineingeboren. Sein Vater war ein praktischer Arzt und sein Bruder ein Chirurg in der russischen Armee. Sein Onkel, Sheikh Sharafuddin ad-Daghestani, der Meister des Naqshbandi Ordens seiner Zeit, nahm ihn schon früh unter seine Obhut und trainierte ihn auf diesem Weg.

In der Schwangerschaft teilt Sheikh Sharafuddin seiner Schwester mit:

Dein Kind trägt keine Schleier auf seinem Herzen. Er wird im Stande sein die Vergangenheit wie auch die Zukunft sehen zu können, denn er ist einer jener Auserwählten, die unmittelbar von der Tafel des Geschicks lesen können. Ihm wird der Titel „Sultan al-Awliya“ gewährt sein. Die Heiligen werden ihn als „den Führer der Gemeinde Muhammeds “ bezeichnen. Auch wird er den Menschen lehren wie es ihnen gelingen kann in ihrem alltäglichen Leben Gottes niemals zu vergessen. Schließlich wird er dem Geheimnis jener beiden Aussprüche des Propheten „Ich habe ein Gesicht das den Schöpfer schaut und ein weiteres Gesicht das der Schöpfung zugewendet ist“ und „Ich habe eine Stunde mit dem Schöpfer und eine Stunde mit der Schöpfung“ inne wohnen. Nenne ihn Abd Allah, denn er wird das Geheimnis der Dienerschaft in sich tragen. Zudem wird er diesen Sufi Weg wieder den arabischen Ländern zugänglich machen. Außerdem wird sein Nachfolger den Orden in die westliche Welt und den Fernen Osten tragen. Passe sehr gut auf ihn auf. Wenn er dann sieben Jahre alt geworden ist, so überlasse ihn mir, denn ich werde ihn unter meinem Schutze auf die höchsten Stufen emporheben.

Am 12. des Monats Rabi al-Awwal an einem Donnerstag gebar seine Mutter Amina ihr Kind, welches sie Abd Allah nannte. In der Nacht der Geburt schien sie jedoch zunächst hilflos alleingelassen. Ihr Ehemann war beschäftigt und ihr anderer Sohn nicht zu Hause. Auf einmal erschienen ihr die zwei ehrenwertesten Damen und unterstützten sie bei ihrer Geburt. Eine war Rabia al-Adawiyya und die andere war Asya (Gattin des Pharaos, die dennoch an den Propheten Moses glaubte) Sie standen ihr in dieser heiligen Nacht bei. Gerade als der Junge hervortrat, verschwanden jene beiden Damen und plötzlich traf ihr Ehemann ein, der ihr schließlcih die Geburt erleichterte. Seine Eltern hörten ihn kein einziges Mal weinen. Im Alter von einem Jahr sahen sie oft wie das kleine Kind mit seinem Haupt auf den Boden niedergesenkt sich vor seinem Herrn niederwarf. Seine Mutter, die ganze Familie und die Nachbarn, ja alle waren sie beeindruckt von diesem Wunderkind. Als er gerade mal sieben Monate alt war, konnte er schon sprechen und sich klar und deutlich ausdrücken. Keinem der anderen Kinder glich er. Oft schweifte er mit seinem Kopf von rechts nach links und rezitierte dabei den göttlichen Namen. Auch konnte er bereits mit drei Jahren den Menschen ihre Zukunft voraussagen. Zudem kannte er die Namen von Menschen, die er zuvor noch nie in seinem Leben gesehen hatte. Das ganze Land staunte über diesen Jungen. Die Menschen kamen in das Haus seiner Eltern um einmal dieses übernatürliche Kind sehen zu dürfen. Als er dann sieben Jahre alt geworden war, verfügte er über ein profundes Wissen über den Quran. Oftmals saß er bei seinem Onkel, Sheikh Sharafuddin, und beantwortete die Fragen, die man ihm stellte. Seine Antworten bezüglich des göttlichen Gesetzes waren sehr präzise und genau, obwohl er doch die Rechtswissenschaft nicht studiert hatte. Zusätzlich belegte er seine Aussagen mit den Versen des Qurans und den Überlieferungen ohne sich jemals deren Studium unterzogen zu haben. So fühlten sich die Menschen nur noch mehr zu ihm hingezogen Das Haus seines Vaters füllten stets unzählige Besucher, die nach Lösungen und Antworten suchten. Denn sie wussten, dass die Antwort wenn nicht bei ihm, sonst nirgendwo gefunden werden konnte. Sein Ruhm schien schon während seinem siebenten Lebensjahr keine Grenzen zu kennen. Die Dorfbewohner kamen jetzt schon vor ihrer Hochzeit zu ihm und suchten zunächst seinen Rat auf. Sie fragten ihn, ob die Heirat erfolgreich sein würde und ob sie dem göttlichen Willen gefiele. Gelehrte, die seine Entscheidungen pedantisch untersuchten, mussten letztlich seiner Rechtssprechung voll und ganz zustimmen. Wissende waren dermaßen von seinen Weisheiten beeindruckt, obwohl er gerade mal sieben war, dass sie von weit weg zu ihm strömten um ihm lauschen zu dürfen. Verwundert frage ihn sein Onkel, wie er denn so endlos und unermüdlich wie ein Quell von den Geheimnissen berichten konnte. Er erklärte: „O mein Onkel, es ist so als ob all dieses Wissen vor meiner Nase auf Tafeln geschrieben steht und ich nur abzulesen brauche.“ Er drang tief in das Wissen hinein und erschloss Dinge, von denen man vorher erst gar nicht wagte zu träumen. So verkündete er schließlich im Alter von sieben Jahren allen Heiligen: „Teilte ich mit euch all das, was mir von der göttlichen Gegenwart in die Brust gelegt wurde, so durchtrennten selbst die Heiligen meinen Hals.“ Sorgfältig hielt er die Vorschriften der göttlichen Gebote ein. Stets erschien er als erster in der Moschee, in den Kreisen des dhikrs, auf den Treffen der Gelehrten. Überall bewunderte man ihn für seine Heilkraft. Als man ihm Menschen verschiedenster Krankheiten vorführte, las er die Sure al-Fatiha, pustete über sie und sie waren geheilt. So half er auch den Kranken, die weit weg von ihm lebten. Menschen kamen zu ihm und baten ihn um sein Gebet für die Eltern, die Ehefrau oder für jemand anderen, der einfach nicht im Stande war zu kommen. Für sie las er einmal die Fatiha und auch sie waren von ihrem Leid erlöst. Die Heilkraft war einer seiner unzähligen Besonderheiten.

Über sich selbst

Ich bin ein Nachfahre des Miqdad al-Aswad , welchen der Prophet zu seinem Stellvertreter in Medina bestimmte, wenn er gerade auf Reisen war. Wie mein Onkel erbte auch ich den Handabdruck des gesegneten Propheten auf meinem Rücken, der damals entstanden war als der Prophet seine gesegnete Hand auf meinen Großvater Miqdad ibn al-Aswad gelegt hatte. Von diesem Muttermal strahlt ein glänzendes Licht hervor.

Sheikh Abd Allah wurde in eine sehr grausame, von Tyrannei bestimmte Zeit hineingeboren. Folglich beschlossen sein Onkel, das spirituelle Oberhaupt des Dorfes, und sein Vater, ein angesehener Doktor, von Daghestan in die Türkei zu emigrieren. Als der Entschluss gefasst worden war, befragte man Sheikh Abd Allah um seinen spirituellen Rat. Sheikh Abd Allah beschreibt das Ereignis wie folgt:

In jener Nacht hatte ich gerade das Nachtgebet verrichtet. Ich erneuerte meine Gebetswaschung und verrichtete anschließend zwei Gebetseinheiten. Danach meditierte ich und verband mich über meinen Sheikh, meinem Onkel, mit dem Propheten . Plötzlich kam der Prophet mit seinen 124,000 Gefährten mir entgegengelaufen. Er sagte: „O mein Sohn, ich setze all meine Kraft und die meiner 124,000 Gefährten frei. Überbringe deinem Onkel, ihr möget umgehend in die Türkei auswandern.“Nach diesen Worten umarmte mich der Prophet und dabei verschwand ich in ihm. In dem Moment als ich mich in ihm aufgelöst hatte, machte ich vom Felsendom die Himmelsreise des Propheten nach. Mich trug der selbe Buraq, der auch den Propheten damals getragen hatte. In einer wahrhaftigen Vision stieg ich immer weiter empor bis zur Nähe Gottes, über die es heißt „bis auf eine Entfernung von zwei Bogenlängen oder noch näher“ (53:9). Dort sah ich nur noch den Propheten und nicht mehr mich selbst. Ich war ein Teil des Wesens des Propheten . Durch diese Himmelsreise übergab mir der Prophet die Wirklichkeiten, die ihm damals zuteil geworden waren. All diese verschiedenen Arten des Wissens strömten unzählig in mein Herz in Worten des Lichtes, dessen Farbe von grün in purpur überwechselte. Jetzt hörte ich eine Stimme aus der göttlichen Gegenwart: „Nähere dich, O mein Diener, komm in meine Gegenwart.“ Als ich durch den Propheten immer näher gekommen war, verschwand alles; selbst die spirituelle Wirklichkeit des Propheten war nicht mehr da. Nun existierte nichts mehr außer dem Allmächtigen Herrn.Dann vernahm ich eine Stimme von all diesen Lichtern und Attributen, die in Seiner Gegenwart aufgeleuchtet waren, hervortreten: „ O mein Deiner, betrete den Zustand der Existenz durch dieses Licht.“ Nachdem ich mich vollständig aufgelöst hatte, existierte ich nur noch durch den Propheten in der göttlichen Gegenwart und mich zierten die Neun-und-Neunzig Namen und Attribute. Dann sah ich mich in dem Propheten und so erschien ich in jedem Geschöpf, das durch Gottes Kraft existierte. Schließlich ereichte ich eine Stufe, in der ich erkannte, dass es neben unserem Universum noch viele anderen Universen gibt, dass wir nicht die einzigen Geschöpfe Gottes sind, sondern dass es unzählige Schöpfungen gibt. Plötzlich klopfte jemand auf meine Schulter. Die Vision endete. Es war mein Sheikh. „O mein Sohn, es ist Zeit zum Morgengebet.“ Mit mehr als 300 Dorfbewohnern verrichteten wir das Morgengebet. Nach dem Gebet stand mein Onkel auf und sagte: „Wir baten meinen Neffen um seinen spirituellen Rat.“ Neugierig blickte jeder zu mir und erwartete, was ich zu sagen hatte. Sofort übernahm mein Onkel das Wort: „Mittels meiner Kraft wurde er in die Gegenwart des Propheten getragen. Der Prophet gab jedem die Erlaubnis in die Türkei zu emigrieren. Dann führte er ihn zu jener Stufe der Nähe Gottes, über die es im Quran heißt: „bis auf eine Entfernung von zwei Bogenlängen oder noch näher.“ (53:9) Anschließend offenbarte er ihm solch Wissen, das keinem Heiligen, einschließlich mir, zuvor zuteil geworden ist. Seine Himmelsreise war eine Lehre für vergangene und gegenwärtige Heilige und ein Schlüssel, der endlose Ozeane des Wissens und der Weisheit eröffnete.“ Ich sagte zu mir selbst: „Mein Onkel war in jener Vision mit mir und es war durch seine Kraft, dass mir solch eine Vision beschert wurde.“ Jeder im Dorf bereitete sich sofort auf die Auswanderung vor. Es sollte eine gefährliche Reise werden, denn auf einer Seite lauerten die russischen Soldaten und auf der anderen erbarmungslose Straßenräuber. Nahe den Staatsgrenzen der Türkei, wanderten wir durch einen Wald, über den es hieß, er sei erfüllt von russischen Trupps. Die Zeit zum Morgengebet brach an. Mein Onkel sagte: „Wir werden das Morgengebet verrichten und dann durch den Wald ziehen.“ Gerade hatten wir das Gebet beendet, da brachen wir auch schon auf. Plötzlich rief Sheikh Sharafuddin: „Halt!“ Er verlangte nach einem Becher Wasser. Als ihm jemand einen Becher mit Wasser gebracht hatte, rezitierte er auf das Wasser folgenden Vers aus der Sure Yasin: „Und Wir haben eine Schranke gelegt vor sie und eine Schranke hinter sie, und Wir haben sie verhüllt, so dass sie nicht sehen können.“ (36:9) Daraufhin rezitierte er: „Doch Gott ist der beste Beschützer, und Er ist der barmherzigste Erbarmer.“ (12:64) Während er diese Verse las, tat sich was in unseren Herzen auf. Jeder schien zu erschauern. Auf einmal offenbarte mir Gott eine Vision, in der ich sehen konnte wie wir auf allen Seiten von den Russen umzingelt waren und wie sie auf alles, das sich nur bewegte, schossen, sei es auch nur ein Vogel gewesen. Dann sah ich wie wir sicher den Wald durchquert hatten und die Russen uns nicht im Geringsten bemerkt hatten. Als Sheikh Sharafuddin seine Rezitation beendet hatte, hörte auch die Vision auf. Er schüttete das Wasser vor uns hin und rief aus: „Los! Schaut nicht hinter euch.“ Wie wir immer weiter voranschritten, konnten wir die Russen auf allen Seiten sehen, sie jedoch uns nicht, es schien als seien wir unsichtbar gewesen. 24 Meilen legten wir in jenem Wald zurück. Wir waren nach dem Morgengebet aufgebrochen und es dauerte bis zum Nachtgebet. Wir hielten nicht an, außer für das Gebet. Von allen Seiten konnten wir hören, wie die Russen auf Menschen, Vögel, Tiere, auf einfach alles schossen, bis auf uns. Schließlich hatten wir den Wald durchquert und waren unversehrt in der Türkei angekommen. Zunächst reisten wir nach Bursa, wo Sheikh Sharafuddin ein Jahr blieb. Danach gingen wir weiter nach Rashadiya, welches zuvor sein Onkel, Sheikh Abu Muhammed al-Madani für die daghestanischen Emigranten gegründet hatte. Es befand sich dreißig Meilen von Yalova, welches an der Küste zum Marmara Meer lag, ungefähr fünfzig Meilen von Bursa und sechzig Meilen von Adapazar. Dort errichtete er die erste Moschee des Dorfes. Daneben baute er sein eigenes Haus. Alle Flüchtlinge waren anfangs mit dem Bau ihrer Häuser beschäftigt. Mein Vater und meine Mutter errichteten ihr Haus neben dem Haus des Sheikh Sharafuddin. Als ich dreizehn Jahre alt geworden war, wurde die Türkei von England, Frankreich und Griechenland angegriffen. Die türkische Armee war gezwungen jeden zu rekrutieren, selbst Kinder. Auch verlangten sie nach mir, aber mein Onkel, der gute Beziehungen zu Sultan Abd al-Hamid hatte, weigerte sich mich an die Front zu schicken. Mein Vater war verstorben und meine Mutter war fortan alleine, also musste ich arbeiten um sie unterstützen zu können. Als ich fünfzehn geworden war, sagte Sheikh Sharafuddin zu mir: „Nun, mein Sohn, bist du reif geworden, du bist jetzt erwachsen und es ist die Zeit für dich gekommen zu heiraten.“ So heiratete ich sehr jung und stand von nun an mit meiner Frau meiner Mutter bei.

Seine Abgeschiedenheit und spirituelles Training

Sheikh Sharafuddin erzog Sheikh Abd Allah zu eiserner spirituelle Disziplin und hob ihn auf die höchsten Stufen empor. Sechs Monate nach seiner Heirat, sollte er bereits seine Familie wieder verlassen und für fünf Jahre in die Abgeschiedenheit ziehen. Er sagte: Ich war gerade frisch verheiratet, als der Sheikh zu mir sagte ich müsse für fünf Jahre in die Abgeschiedenheit ziehen. Meine Mutter war äußerst erzürnt darüber und beschwerte sich bei dem Sheikh, der ihr Bruder war. Auch meine Ehefrau war verärgert, ich dahingegen beschwerte mich zu keinem Zeitpunkt. Ganz im Gegenteil, mein Herz war sogar sehr glücklich damit, in die lang ersehnte Abgeschiedenhit gehen zu dürfen. Ich führte den Willen meines Sheikhs aus, trotz ihres Flehens: „Ich habe niemanden außer dir. Dein Bruder ist immer noch in Russland und dein Vater ist dahin geschieden.“ Ich hatte Mitleid mit meiner Mutter, aber auch wusste ich, dass es sich hierbei um den Befehl des Sheikhs und damit um einen Befehl des Propheten handelte. Für jene Übung in der Einsamkeit war mir auferlegt worden mich am Tag sechs Mal mit eiskaltem Wasser zu waschen und alle meine Pflichten und täglichen Aufgaben einzuhalten. Zusätzlich sollte ich täglich mindestens sieben bis zu fünfzehn Abschnitte des Qurans lesen, den Heiligen Namen Allah 148,000 Mal wiederholen und 24,000 Friedensgrüße auf den Propheten rezitieren.“Dann gab es noch viele weitere Aufgaben, die alle konzentriert und gewissenhaft erfüllt werden sollten. Mein Rückzugsplatz befand sich in einer Höhle tief im Wald auf einem schneebedeckten Berg. Meine Tagesration sollten sieben Oliven und zwei Unzen Brot sein. Zu jenem Zeitpunkt war ich fünfzehneinhalb Jahre alt gewesen. Als ich nach fünf Jahren schließlich zurückkehrte, war ich sehr abgemagert und ich wog nur noch hundert Pfund. Was mir in dieser Zeit offenbart wurde, kann nicht in Worte gefasst werden. An meinem ersten Tag hatte ich geschworen: „O mein Ego, selbst wenn ich sterben werde, so werde ich diese Zurückgezogenheit niemals mehr verlassen. Sei dir dessen bewusst. Versuche nicht meine Meinung zu ändern und mich reinzulegen.“ Als ich meine Höhle zum ersten Mal gesehen hatte, fiel mir gleich das Loch in der Decke auf, welches der frostigen Kälte Zugang verschaffte. So versuchte ich als erstes das Loch mit Stoff zu überdecken. Ich schlief nur sehr wenig. Niemals verspürte ich den Drang zu schlafen, denn meine spirituelle Unterstützung war dermaßen stark. Einmal erschien mir der Prophet wie er sich in der Höhle Hira zurückgezogen hatte. Vierzig Tage lang war ich an seiner Seite und hatte dabei zu keinem Zeitpunkt geschlafen. Als ich eines Tages nach Mitternacht mein dhikr rezitierte, zog ein gewaltiger Sturm über den Berg. Ich hörte, wie Bäume umfielen, Regen und schließlich Schnee vom Himmel herabströmten. Es war bitterkalt und nichts spendete mir Wärme außer mein dhikr. Mein Herz sollte jeden Moment aufhören zu schlagen. Plötzlich hatte ich wieder den Gedanken das Loch abzudenken, welches sich geöffnet hatte. Auf einmal hörte ich den Sheikh mit mir schimpfen: „O mein Sohn! Beschäftigst du dich mit dir selbst oder mit Dem Einen, Der dich hat erschaffen? Aufgrund der Kälte zu sterben ist besser als durch Achtlosigkeit des Herzens.“ Diese Worte erfüllten mein Herz, erwärmten mich und entschlossen machte ich mit meinem dhikr weiter. Nicht nur mein dhikr nahm zu, sondern auch der Wind und der Schneesturm. Ich musste mit mir kämpfen, letztlich erkannte ich: „Lass mich sterben, denn auch so setze ich mein dhikr fort.“ Kaum hatte ich dies ausgesprochen, da hörte das Unwetter schon auf und ein Baum fiel vor den Ausgang der Höhle. Einmal hatte ich das letzte Gebet der Nacht beendet, da erschien mir, während ich mich mit dem dhikr beschäftigte und mein Herz mit seinem Ursprung verband, eine Vision, in der ich mich selbst sah, wie ich in der göttlichen Gegenwart dhikr rezitierte. Im selben Moment verspürte ich, wie sich etwas um mich wickelte. Ich wusste, dass es nichts himmlisches, sondern etwas irdisches war. Sogleich erinnerte ich mich des Ausspruches des Propheten „Ich habe in meinem Herzen keine Furcht, außer der Furcht Gottes.“ Obwohl ich spürte wie sich etwas um mich herum wickelte, blieb mein Herz unbeeinflusst und unberührt. In diesem Zustand war ich im Stande 777,777 Wiederholungen des göttlichen Namens bewusst zu sein. Als ich 777,778 zählte, hörte ich die göttliche Gegenwart zu mir sprechen: „O mein Diener! Heute Nacht hast du das Geheimnis des Bewusstwerdens der Zahlen erreicht. Du hast soeben dessen Schlüssel empfangen. Betrete nun Unsere Gegenwart, werde ein Moses , kalimullah, der unmittelbar zu Gott spricht.“ Und ich konnte fortan mit der göttlichen Gegenwart sprechen. Mir wurden Antworten auf Fragen zuteil, die keinem Heiligen vor mir gewährt waren. Ich ergriff die Gelegenheit um meinen Herrn zu fragen: „O Allah, was ist Dein Größter Name?“ Und mir wurde erwidert: „O mein Diener, dies soll dir zu einem späteren Zeitpunkt beantwortet werden.“ Dann verschwand die Vision und die Zeit zum Morgengebet war gekommen. Sheikh Abd Allah verbrachte bis zu seinem zwanzigsten Lebensjahr fünf Jahre in jener besonderen Abgeschiedenheit. Als er letztendlich die Aufgabe des Sheikhs erfüllt hatte und zurückkehrte, war für ihn auch schon die Zeit gekommen seinen Wehrdienst zu leisten.

Seine Himmelsfahrt

Hier beschreibt er einen Vorfall der sich bei seinem Dienste in der türkischen Armee ereignete:

Ich sah meine Mutter nur alle ein oder zwei Wochen einmal. Man berief mich zur Schlacht von Gallipoli in den Dardanellen. Als uns die gegnerische Partei an einer Landesgrenze überwältigte, waren wir gerade mal nur hundert Mann, die dieses Gebiet verteidigen sollte. Ich war ein exzellenter Scharfschütze und konnte schon von einer weiten Entfernung mein Ziel treffen. Wir waren unter starkem Beschuss und es schien aussichtslos, wir mussten uns zurückziehen. Plötzlich traf mich eine Kugel genau in mein Herz, und ich fiel tot um. Als ich dort lag, erschien mir der Prophet . Er sagte: „O mein Sohn, es war dir vorherbestimmt hier zu sterben, jedoch brauchen wir dich noch auf dieser Welt und zwar sowohl mit deinem physischen als auch spirituellen Wesen. Ich bin nun zu dir hergekommen um dir zu zeigen, wie es ist, wenn eine Person stirbt und der Engel des Todes die Seele entreißt.“ So beobachtete ich wie ich mich von meinem Zeh angefangen Zelle um Zelle meines ganzen Körpers entledigte. Während ich mich von meinem Körper löste, konnte ich sämtliche Zellen meines Körpers und deren Funktionen sehen. Auch wurde mir gewährt den jeweiligen Heilungsweg einer jeden einzelnen erkrankten Zelle zu erfahren und zusätzlich durfte ich all ihrem Gotteslobpreis lauschen. Wahrlich hatte ich erfahren, wie es den Sterbenden ergeht. Mir wurden sämtliche Arten des Sterbens gezeigt. Da gab es den schwierigen und leidvollen Tod, dann den einfachen und letztlich auch den süßen und glückseligen. Der Prophet teilte mir mit: „Du bist einer jener, die den glückseligen Tod kosten werden.“ Ich genoss mein Dahinscheiden, denn endlich sollte ich zu meinem Ursprung zurückfinden und jenen heiligen Vers „Wahrlich, Gottes sind wir und zu Ihm kehren wir zurück“ (2:156) verstehen. Als ich dann meinen letzten Atem aushauchte, erschien mir der Engel des Todes und fragte mich seine Fragen. Mir offenbarten sich alle Stufen eines Sterbenden und somit konnte ich, da ich ja noch eigentlich lebte, die Geheimnisse des Todes entschleiern. Meine Seele schaute hinab auf meinen Körper und der Prophet rief mich: „Folge mir!“ Daraufhin geleitete mich der Prophet zu den sieben Himmeln und bezeugte alles, was er mir gewährt hatte zu sehen. Dann hob er mich zur Stufe der Vertrauenswürdigen, wo ich auf alle Propheten, Heiligen, Märtyrer und Aufrichtigen traf. Er sagte: „O mein Sohn, nun werde ich dir die Hölle zeigen.“ Dort sah ich all das, das der Prophet in seinen Überlieferungen vorausgesagt hatte. Ich fragte: „O Prophet , du der du als eine Barmherzigkeit für die Welten gesandt warst, gibt es denn für diese Menschen keinen Ausweg?“ Er antwortete: „Doch, mein Sohn, durch meine Fürsprache können sie gerettet werden. Was ich dir hier zeige, ist nur das, was ohne meine Fürsprachen geschähe.“ Der Prophet fuhr fort: „O mein Sohn, jetzt werde ich dich zurück auf die Erde, in deinen Körper bringen.“ Als der Prophet diese Worte gesprochen hatte, blickte ich runter auf meinen Körper und er schien angeschwollen zu sein. Schließlich sagte ich: „O Gesandter Gottes, es ist schöner mit dir zusammen zu sein. Ich will nicht zurückgehen. Hier in der göttlichen Gegenwart bin ich glücklich. Was soll ich den bloß in jener dreckigen Welt. Ich war bereits dort und jetzt bin ich an deiner Seite. Warum muss ich denn bloß zurückkehren? Schau, außerdem ist mein Körper bereits angeschwollen. Er erklärte: „O mein Sohn, du musst wieder dorthin gehen. Das ist deine Pflicht.“ So kehrte ich auf Befehl des Propheten wieder in meinen Körper ein, obwohl ich ja eigentlich gar nicht wollte. Als ich in meinen Körper eintrat, sah ich wie meine Wunde wieder zusammengewachsen war. Und während ich langsam wieder in meinen Körper eingekehrt war, hörte auch nach und nach die Vision wieder auf. Als ich schließlich in dieser Welt angekommen war, bemerkte ich die Ärzte, die nach Überlenden suchten. Plötzlich schrie einer auf: „Hier, dieser hier ist am Leben!“ Ich hatte keine Kraft weder zu reden noch die geringste Bewegung durchzuführen, später begriff ich, dass ich sieben Tage auf dem Schlachtfeld gelegen war. Sie kümmerten sich um mich, bis ich wieder genesen war. Dann brachten sie mich wieder zu meinem Onkel zurück. Kaum war ich wieder zu Hause angekommen, da fragte mein Onkel mich: „O mein Sohn, hat dir dein Aufenthalt gefallen?“ Ich sagte nicht „Ja“ aber auch nicht „Nein“, denn ich wollte mich vergewissern ob er den Aufenthalt in der Armee oder den beim Propheten meinte. Jetzt fragte erneut: „O mein Sohn, hat es dir beim Propheten gefallen?“ Ich verstand, dass er über alles, was geschehen war, informiert war. So küsste ich ihm die Hände und berichtete ihm: „O mein Sheikh, ich begleitete den Propheten und ich muss zugeben, dass ich niemals mehr von seiner Seite weichen wollte. Jedoch sagte er mir, dass es meine Pflicht ist, hier auf dieser Erde den Menschen zu dienen.“

Sheikh Abd Allahs vollkommene Hingabe

Sheikh Abd Allah setzte nun sein Leben unter dem direkten Schutze seines Onkels, Sheikh Sharafuddin, fort. Und immer weiter erschloss er neue Horizonte des Wissens. Einmal saß Sheikh Sharafuddin in einer Zusammenkunft von über 300 religiösen und spirituellen Gelehrten. Sie waren dort, um wichtige Dinge bezüglich ihres spirituellen Lebens zu erfahren. Sie hatten sich auf einem Hügel nahe der Moschee versammelt. Als Sheikh Abd Allah sich der Versammlung näherte, sagten einige Gelehrten zu Sheikh Sharafuddin: „Wir sind erstaunt darüber, wie sehr du doch dieses Kind schätzt. Der Sheikh antwortete:

Schaut ihn euch doch an. Er kommt, um mich zu sehen. Käme eine kleines Kind zu ihm und sagte: „Dein Sheikh schickt dir eine Nachhricht, du mögest nach Mekka gehen,“ so führte er umgehend diesen Befehl aus, auch wenn er eigentlich nicht von mir stammte. Denn er hat anerkannt, dass alles was ihm zustößt und was ihm begegnet von mir kommt. Und er ist sich dessen bewusst, dass alles was von mir ausgeht, vom Propheten entspringt, denn mein Herz ist stets in Verbundenheit mit dem des Propheten , und dass alles was der Prophet wünscht seinen Ursprung in Gott hat. Deswegen bräche er umgehend nach Mekka auf ohne auch nur die geringste Zeit darin zu verlieren sich zu verabschieden oder etwas an Proviant für die Reise vorzubereiten. Das ist der Grund, warum er mir so sehr am Herzen liegt und zudem kenne ich seinen erhabenen Rang unter den Heiligen. Jene Stufe, die ihm zuteil wurde, war vor ihm noch keinem, einschließlich mir, beschert worden. Er hat solches erreicht, von dem weder ich noch die Meister der ehrenwerten Goldenen Kette wagten zu träumen. Es ist ein Prinzip unseres Ordens, so wie es von einem Meister zum anderen Meister übergeht, es auch immer neues entdeckt. So wie das Geheimnis von einem Sheikh dem anderen anvertraut wird, so kommt dem geerbten Geheimnis noch ein weiteres Geheimnis hinzu. Gleichzeitig nimmt auch die Stufe des Propheten in jedem Moment stetig zu, wie auch die der Heiligen. Das ist die Bedeutung des Verses: „Und über jedem Wissenden gibt es einen, der noch mehr weiß.“ (12:76)

Ein Treffen mit Gurdjieff

Großsheikh Abd Allah diente in der Herberge seines Meisters. Jeden Tag kamen hunderte von Besuchern, vor allem aus Daghestan, um den Sheikh sehen zu dürfen. Unter den unzähligen Besuchern war auch einmal der russische Lehrer George Gurdjieff. Als er endlich nach einer mühsamen Flucht während der kommunistischen Revolution aus Russland in die Türkei entkommen war, wollte Gurdjieff Sheikh Sharafuddin besuchen gehen. Er hatte schon viele Sufi Orden im Kaukasus gesehen und sich ihrem Training unterzogen. Aber dennoch hatte er nicht das gefunden, wonach er sich sehnte. Als er von dem Erbe des ehrenwerten Naqshbandi Ordens gehört hatte, war er überglücklich.

Sheikh Sharafuddin bat Sheikh Abd Allah, sich um die Gäste zu kümmern. Viele Jahre später berichtete Sheikh Abd Allah einigen Schülern von den Ereignissen dieses Treffens. Kaum hatte Gurdjieff ihn begrüßt, da sagte Sheikh Abd Allah auch schon: „Du fragst nach dem Wissen der Neun Punkte. Wir werden darüber nach dem Morgengebet sprechen. Ruhe dich für den Moment ein wenig aus und nimm etwas zu dir.“ Im Morgengrauen rief Sheikh Abd Allah Gurdjieff zum Gebet. Als das Gebet beendet war, begann der Sheikh die Sure Yasin aus dem Heiligen Quran zu rezitieren. Danach fragte er Gurdjieff ob er nicht mitteilen könnte, was während der Rezitation erfahren hat. Gurdjieff sagte:

Gerade als Sie das Gebet beendet hatten und Sie mit der Rezitation begannen, sah ich Sie auf mich zukommen und mich an der Hand nehmen. Anschließend wurden wir in einen wundervollen Rosengarten getragen. Sie sagten, der Garten sei Ihr Garten und die Rosen seien Ihre Schüler mit einem individuellem Duft und einer jeweiligen Blütenfarbe. Daraufhin brachten Sie mich zu einer bestimmten roten Rose: „Das ist deine. Rieche mal an ihr.“ Als ich mich vorbeugte um an ihr zu riechen, verschwand ich in ihr und wurde zu der Rose. Dann ging ich von den Rosenblüten über ihren Stängel bis zu ihren Wurzeln, welche mich zu Ihrer Gegenwart führten. Schließlich sah ich wie ich Ihr Herz betrat und ein Teil von Ihnen wurde.

Mittels Ihrer spirituellen Kraft war ich nun im Stande zum Wissen der Neun Punkte emporzusteigen. Dann rief eine Stimme nach mir mit dem Namen Abd an-Nur: „Dieses Licht und dieses Wissen wurden dir von der göttlichen Gegenwart gewährt, auf dass Frieden in dein Herz einziehe. Jedoch darfst du die Kraft dieses Wissens nicht einsetzen.“ Letztlich verabschiedete sich die Stimme mit Friedensgrüßen von mir und wie Sie Ihre Rezitation beendeten, hörte auch die Vision auf.

Sheikh Abd Allah antwortete:

Die Sure Yasin wurde von dem Propheten als das Herz des Qurans bezeichnet und das Geheimnis der Neun Punkte wurde dir mittels ihr eröffnet. Deine Vision war ein Segen des Verses „Frieden! Ein Wort des erbarmenden Herrn.“ (36.58)

Jeder jener Neun Punkte wird von neun Heiligen repräsentiert, die sich auf der höchsten Stufe in der göttlichen Gegenwart befinden. Sie sind die Schlüssel unerhörter Kräfte des Menschen, jedoch gibt es keine Erlaubnis diese Schlüssel zu benutzen. Dies ist ein Geheimnis, das nicht gelüftet wird, bis nicht Mahdi und Jesus erschienen sind.

Unser Treffen war ein gesegnetes. Möge es ein Geheimnis in deinem Herzen bleiben, erzähle keinem davon in diesem Leben. Abd an-Nur ist dein Name bei uns, du kannst bei uns bleiben oder gehen, wie es dir beliebt. Du bist immer herzlich willkommen. Du hast Sicherheit und Schutz in der göttlichen Gegenwart erlangt. Möge Gott dich segnen und dich in deinem Bemühen stärken.

Seine Zustände und Diskurse nach seiner zweiten Abgeschiedenheit

Im Alter von dreißig Jahren wurde Sheikh Abd Allah aufgetragen sich erneut für fünf Jahre zurückzuziehen und sich zu läutern. Während dieser Zurückgezogenheit offenbarten sich ihm viele Visionen und Zustände, die niemals in diesem einen Buch gefasst werden können. Nach dieser zweiten Abgeschiedenheit nahm seine spirituelle Kraft ins unermessliche zu. Folglich wurde er so berühmt, dass selbst zu Lebzeiten seines eigenen Sheikhs, Menschen zu ihm strömten um von seinem Wissen zu lernen.


Quelle: http://sufi-zentrum-berlin.de/

 
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